Migration, Flüchtlinge und Gesundheit

Migration und öffentliche Gesundheit

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Ulrike Kluge und Judith Strasser

Transkulturelle Aspekte in der psycho-sozialen Versorgung von Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund

Seit vielen Jahren ist aus der medizinischen Versorgungsforschung bekannt, dass der Zugang zu medizinischer und speziell zu psychosozialer Versorgung für Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund von sprachlichen, kulturellen, institutionellen und strukturellen Barrieren eingeschränkt ist (Priebe et al. 2013; Penka et al. 2012). Die wachsende Zahl von Menschen, die aufgrund von Krieg, politischer Instabilität und Armut ihre Herkunftsländer verlassen und in Deutschland Schutz und Perspektive suchen, verschärft den Blick auf bestehende Barrieren und stellt die Einrichtungen der gesundheitlichen Regelversorgung vor die Herausforderung, sich für die zunehmend soziokulturelle und sprachliche Pluralität der deutschen Gesellschaft zu öffnen. An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Campus Mitte in Berlin wurde bereits 2002 das Zentrum für interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie (ZIPP) (https://psy-ccm.charite.de/...) gegründet. Das ZIPP beschäftigt sich in den Bereichen Versorgung, Forschung und Lehre zentral mit seelischen Aspekten von Migration und Flucht (https://psy-ccm.charite.de/...). In der in die Psychiatrische Institutsambulanz integrierten ethnopsychiatrischen/ethnopsychoanalytischen Ambulanz des ZIPP sind Geflüchtete eine wesentliche Zielgruppe und machten bereits 2013 ca. 45 Prozent der Patienten (Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Sprachformen verzichtet.) mit Migrationshintergrund aus.

Als Reaktion auf die zunehmenden Behandlungs- und Beratungsanfragen im Kontext der sogenannten „Flüchtlingskrise“ hat das ZIPP seine Forschungsaktivitäten, Netzwerkarbeit sowie Fortbildungs- und Versorgungsangebote erweitert (http://perspektiven-pvg.de). In der Ambulanz wurde eine wöchentliche psychiatrische Akutsprechstunde eingerichtet, die niedrigschwellig konzipiert ist und während der Dolmetschende für Arabisch und Farsi regulär vor Ort zur Verfügung stehen. Die Mehrsprachigkeit sowie die soziokulturelle und professionelle Vielfalt des Behandlerteams werden bewusst genutzt, um potenziell differente Vorstellungen zu Entstehungsbedingungen, Symptomen und Verläufen psychischer Erkrankungen zu verstehen und angemessene Behandlungsstrategien umzusetzen. Der psychodynamische Zugang des Teams ermöglicht darüber hinaus, sogenannte transkulturelle Konflikte, die sich in einem Leben im „Dazwischen“ - zwischen Anforderungen des Herkunfts- und Aufnahmekontexts - ergeben können, zu bearbeiten. Obwohl das Behandlerteam des ZIPP muttersprachliche Therapie aufgrund der diversen sprachlichen Hintergründe der Behandler in acht Sprachen anbieten kann, können die Herkunftssprachen der Patienten aus über 80 Ländern hierüber nicht abgedeckt werden. Daher werden regelhaft Dolmetscher eingesetzt, die als wesentlicher Bestandteil des Teams verstanden werden. Hier ist auch die bewusste Nutzung des kulturellen Hintergrundwissens der Dolmetschenden von zentraler Bedeutung. Sie ermöglichen nicht nur die sprachliche Übersetzung im engeren Sinn, sondern stellen ihr Wissen vor dem Hintergrund ihres eigenen kulturellen Backgrounds den Therapeuten in Vor- und Nachgesprächen zur Verfügung. Die dadurch entstehende Erweiterung des klassischen therapeutischen Behandlungssettings um einen „Dritten im Raum“ verlangt den Behandelnden die Einsicht ab, ihres Hauptarbeitsinstruments - der Sprache - nicht mehr umfänglich mächtig zu sein. So kann die Anwesenheit des Dolmetschenden bei dem Behandler zu Gefühlen der Exklusion und Fremdheit führen; diese gilt es zu reflektieren und als Teil des therapeutischen Prozesses zu verstehen (Kluge 2011). Während das ZIPP anstrebt, eine hohe Qualität der Arbeit mit Sprach- und Kulturmittlern zu gewährleisten, indem für diese spezifische Weiterbildungen und Supervision angeboten werden (http://perspektiven-pvg.de/fortbildung-supervision/), verweisen die steigenden Behandlungsanfragen auf die Dringlichkeit einer Lösung für die bisher nicht geregelte Finanzierung von Dolmetscherkosten in der gesundheitlichen Regelversorgung.
Für die Behandlungssettings mit Geflüchteten verweist unsere klinische Erfahrung und Forschung aber verstärkt darauf, dass hier neben den zu berücksichtigenden „kulturellen Differenzen“ vielmehr juristische, sozialrechtliche und gesundheitsökonomische Fragen das therapeutische Setting beeinflussen und herausfordern (Kluge 2016). Die Biografien von Geflüchteten sind nicht nur von unsicheren Lebensbedingungen und potenziell traumatisierenden Erfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht geprägt; auch im Aufnahmeland Deutschland sind sie vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Während juristische und ökonomische Unklarheiten bezüglich der Vergütung von Leistungen das therapeutische Arbeiten erschweren, gefährden beispielsweise die anhaltenden Unsicherheiten bzgl. des Aufenthalts in Deutschland (fortdauernde Duldungen, Abschiebungsbescheide etc.) sowie die Unterbringung in Sammelunterkünften den Erfolg des therapeutischen Prozesses (Gerlach und Pietrowsky 2012) bzw. führen die schwierigen Lebensbedingungen immer wieder zu Krisen, sodass die therapeutische Arbeit vielfach stabilisierender Krisenintervention und intensiver Sozialarbeit bedarf. Letzteres ist im multiprofessionellen Team einer Institutsambulanz zu gewährleisten. Da sozialarbeiterische Expertise und Ressourcen in niedergelassenen Settings vielfach nicht vorhanden sind, ist eine Weitervermittlung in niedergelassene ambulante Versorgung erschwert. Denn wenn die komplexen und dringenden Bedarfe der Geflüchteten nach rechtlicher Beratung, nach privatem Wohnraum, nach Schul- und Kindergartenplätzen, nach Sprachkursen, Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten etc. im Rahmen der Behandlung kein Gehör finden, ist eine nachhaltige Anbindung der Betroffenen an therapeutische Angebote und Strukturen kaum möglich (BafF 2015).

Vor diesem Hintergrund arbeiten wir am ZIPP mit einem erweiterten Traumabegriff, der nicht ausschließlich einem störungsdefinierten, medizinisch-objektivierenden Verständnis von Trauma folgt, sondern die politische und gesellschaftliche Dimension sowie die Prozesshaftigkeit von Traumatisierungen mit in den Blick nimmt. Um den komplexen Bedarfen der Geflüchteten gerecht werden zu können, bedarf es zudem einer verstärkten Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen sowie einer intensivierten Vernetzung mit den unterschiedlichen Akteuren im lokalen Hilfesystem. Das ZIPP fördert die Vernetzung von Akteuren u. a. durch das im Dezember 2015 initiierte Netzwerk „Psychosoziale Versorgung Geflüchteter in Berlin Mitte“ (http://perspektiven-pvg.de/netzwerkarbeit/). Die Vernetzung der Stakeholder trägt zu einem verstärkten Wissens- und Informationsaustausch bei, hilft bei der Identifikation von Schnittstellenproblemen und optimiert die Ressourcennutzung bestehender Versorgungsstrukturen. Die derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen beinhalten die Notwendigkeit, interkulturelle und migrationsspezifische Zugänge zum psychosozialen Versorgungssystem für diverse Zielgruppen weiterzuentwickeln, die Arbeit mit Dolmetschenden zu professionalisieren sowie die Arbeit in transkulturellen Teams und den Nord-Süd-Austausch im Bereich von Global Mental Health zu stärken.

Literaturliste

  • BafF - Bundesarbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. Versorgungsbericht zur psychosozialen Versorgung von Flüchtlingen und Folteropfern in Deutschland 02.09.2015. http://www.baff-zentren.org/news/versorgungsbericht-2/ [letzter Zugriff: 19.04.2016]
  • Gerlach C & Pietrowsky R. Trauma und Aufenthaltsstatus: Einfluss eines unsicheren Aufenthaltsstatus auf die Traumasymptomatik bei Flüchtlingen. Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin 2012; 33: 5-19.
  • Kluge, U. (2016). Behandlung psychisch belasteter und traumatisierter Asylsuchender und Flüchtlinge. Das Spannungsverhältnis zwischen therapeutischem und politischem Alltag Nervenheilkunde 35 (6):385-390. Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften.
  • Kluge U. Sprach- und Kulturmittler in der Psychotherapie. In: Machleidt W, Heinz A (Hrsg.) Praxis der Interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie. Migration und psychische Gesundheit. München: Elsevier, Urban & Fischer 2011; 145-154.
  • Penka S, Schouler-Ocak M, Heinz A, Kluge U. (2012). Interkulturelle Aspekte der Interaktion und Kommunikation im psychiatrisch/psychotherapeutischen Behandlungssetting. Zeitschrift Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz; 55, 9: 1168-1175.
  • Priebe S, Matanov A, Barros H, Canavan R, Gabor E, Greacen T, Holcnerová P, Kluge U, Nicaise P, Moskalewicz J, Díaz-Olalla JM, Strassmayr C, Schene AH, Soares JJ, Tulloch S, Gaddini A (2013). Mental health-care provision for marginalized groups across Europe: findings from the PROMO study. Eur J Public Health, 23(1):97-103.

Dr. phil. Dipl. Psych. Ulrike Kluge, Leitung ZIPP, Leitung AG Transkulturelle Psychiatrie
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Berlin, CCM
Dipl. Psych. Judith Strasser, Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Berlin, CCM
Kontakt: info(at)perspektiven-pvg.de


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