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Migration, Flucht und Gesundheit

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Matthias Schug

„Ohne SprInt hätten wir es nicht geschafft!“

Zur Entwicklung und Professionalisierung von Sprach- und Integrationsmittlung am Beispiel SprInt Wuppertal

Schlagwort(e): Integration, Kommunikation, Sprachmittlung

Die vierjährige Samira ist ein lebhaftes und fröhliches Kind. Doch mit der Zeit wird sie in der KiTa zunehmend einsam, andere Kinder meiden sie und sie zieht sich in ihre eigene Welt zurück. Die Erzieher*innen vereinbaren ein Gespräch mit den Eltern, um Näheres zu erfahren. Liegen vielleicht Entwicklungsstörungen vor, fehlt der Wortschatz oder benötigt Samira spezielle Förderung? Da die Deutschkenntnisse des marokkanischen Ehepaars für solche spezifischen Fragen nicht ausreichen, ist dieses Treffen aber wenig fruchtbar. Um beim nächsten Gespräch besseres Verständnis zu erzielen, wird ein Sprach- und Integrationsmittler hinzugezogen. Mit seiner freundlichen und professionellen Art gewinnt der Mitarbeiter von SprInt, ein gebürtiger Marokkaner, schnell das Vertrauen von Samiras Eltern. Im Gespräch bestätigt sich die Annahme der Pädagog*innen: Samira hat nicht nur ein Verständigungsproblem, sondern auch eines mit der Aussprache. Nun kann gezielt die Hilfe einer Logopädin in Anspruch genommen werden. Nach kurzer Zeit findet das Mädchen besseren Anschluss in der KiTa-Gruppe und gewinnt ihre Lebhaftigkeit zurück. Schon dieser eine Einsatz eines Sprach- und Integrationsmittlers hat Samiras Chancen deutlich verbessert.

Wie Samira und ihren Eltern ergeht es unzähligen Migrant*innen in Deutschland. Weil es zu Verständigungsproblemen kommt, können Angebote des Integrations-, Gesundheits- oder Sozialwesens nicht richtig in Anspruch genommen werden. Neben den Sprachbarrieren fehlt es oft an Einblick in die Strukturen in Deutschland. Aufseiten der Fachkräfte wünscht man sich Entlastung durch kultursensible und neutrale Dolmetschende, die Hintergründe für beide Seiten erläutern und sich in die Prozesse der jeweiligen Einrichtung hineindenken können.

Genau hier setzt Sprach- und Integrationsmittlung an. SprInt kombiniert moderne Dolmetschtechniken und spezifisches Fachwissen aus dem Bildungs-, Sozial, Gesundheits- und Justizwesen. Sprach- und Integrationsmittler*innen sind im Umgang mit kulturellen Missverständnissen geschult, assistieren Fachkräften der Sozialen Arbeit bei längerfristigen Begleitaufgaben und informieren Migrant*innen auf Anweisung der Fachkräfte eigenständig. Der SprInt-Berufskodex garantiert die Einhaltung der Schweigepflicht sowie einen allparteilichen und transparenten Dolmetschprozess. SprInt versteht sich als professionelle Dienstleistung. Gerade bei der Kommunikation komplexer Diagnosen im Gesundheitswesen, bei der Behandlung traumatisierter Geflüchteter, bei Abschiebungen oder Einsätzen des Jugendamts wegen Kindeswohlgefährdung ist der Einsatz von Laiendolmetschenden oder kurzqualifizierten Sprachmittler*innen keine Option. Hier bietet SprInt standarisierte Verfahren, Supervision für Mittelnde und Rechtssicherheit für die Kundschaft.

SprInt-Qualifizierung
Ihre umfangreichen Kompetenzen erwerben Sprach- und Integrationsmittler*innen in der 18-monatigen, bundeseinheitlichen SprInt-Qualifizierung. Die Vollzeitmaßnahme schult neben den Fach- und Dolmetschkenntnissen vor allem die Reflexionskompetenzen der Teilnehmenden, denn die Einhaltung des SprInt-Berufskodex ist eine ständige Herausforderung. In Praktika lernen die zukünftigen Dolmetschenden mögliche Einsatzstellen kennen. Regelmäßige Weiterentwicklungen der Qualifizierungsinhalte, Auditierungen und die persönliche Prüfungsabnahme durch Wissenschaftler*innen der Qualitätssicherungskommission des SprInt-Netzwerks sichern die Qualität. SprInt-Qualifizierungen laufen derzeit an sechs Standorten, drei werden in Kürze hinzukommen. Die Maßnahme bietet gute Chancen für migrantische SGBII/III-Empfänger*innen - sie zeichnet sich durch eine hohe Arbeitsmarktintegrationsquote aus. Als Expert*innen für Migration und Kommunikation finden die Absolvent*innen Anstellung bei Behörden, Wohlfahrtsverbänden etc.

Vermittlungsservices
Die meisten frischgebackenen Absolvent*innen werden aber von den SprInt-Vermittlungsstellen in den Pool der Dolmetschenden übernommen. Diese standarisierten Vermittlungszentralen machen die Dienstleistung in einer Region verfügbar. Breite Sprachangebote sowie einfache Buchung und Abrechnung reduzieren den Verwaltungsaufwand für Fachkräfte oder Einrichtungen. SprInt führt nachweislich zu Effizienzsteigerungen bei der Kundschaft, da für diese das Pflegen eigener Dolmetschlösungen komplett entfällt.

SprInt im Einsatz: Fallbeispiel Jobcenter Wuppertal
Im Jobcenter in Wuppertal sind täglich mehrere Sprach- und Integrationsmittler*innen im Einsatz. Sie lenken in der Einsatzzone den Kundenverkehr, dolmetschen an den Beratungsplätzen, assistieren unter Anleitung der Fachkräfte bei Problemanalysen im Bereich Leistungsgewährung oder bei der Beratung zu Sprachkursen. Dr. Andreas Kletzander, Vorstand des Jobcenters Wuppertal AöR, betonte schon mehrfach die Bedeutung von SprInt für die Arbeitsmarktintegration von Tausenden Migrant*innen in Wuppertal in den letzten Jahren. „Ohne SprInt hätten wir es nicht geschafft!“

Netzwerk und Projektentwicklung
Die Geschichte von SprInt reicht bereits über eineinhalb Jahrzehnte zurück. In der Beratungspraxis der Migrationsdienste der Diakonie Wuppertal wurde der Bedarf nach neutralen Dolmetschpersonen deutlich. Der Diakonie Wuppertal gelang es mit zahlreichen Partner*innen aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen öffentlich geförderter Projekte, das Konzept für professionelle Sprach- und Integrationsmittlung in Deutschland zu entwickeln, umzusetzen und kontinuierlich zu professionalisieren. Aus überregionalen Projekten ist das bundesweite SprInt-Netzwerk mit zahlreichen Standorten und bundesweit einheitlichen Qualitätsstandards hervorgegangen. Sprach- und Integrationsmittlung findet sich heute zum Beispiel in Aachen, Berlin, Dortmund, Erfurt, Leipzig und Rostock.

Die Genossenschaft als Meilenstein
SprInt bedeutet nicht nur verbesserte Teilhabe von Neuzugewanderten. SprInt will den Mittler*innen auch sichere und fair entlohnte Arbeit bieten. Diese Vision wurde im SprInt-Netzwerk im Laufe seiner Entwicklung zu einer bedeutenden Frage der Professionalisierung. Andere Sprachmittlungslösungen arbeiten zumeist mit Honorarkräften und schaffen keine Anstellungen. Nachdem eine offizielle Berufsanerkennung von Sprach- und Integrationsmittlung zeitnah nicht gelang, gründeten Detlef Becker und Achim Pohlmann 2015 die eigenständige gemeinnützige SprInt eGenossenschaft. Die Genossenschaft macht die Angestellten zu Anteilseigner*innen, die so Einfluss auf das Geschick des sozialen Unternehmens haben. Die Genossenschaft ist kontinuierlich gewachsen und beschäftigt inzwischen 52 Mitarbeitende. Sie bietet die Dienstleistung der Sprach- und Integrationsmittlung für das Bergische Land, die Köln-Düsseldorfer Bucht und große Teile des Ruhrgebiets an. Die schnelle Entwicklung der Genossenschaft beweist, dass SprInt in fast jeder Region denkbar und als soziale Unternehmung langfristig erfolgreich sein kann. Denn wenn Sprach- und Integrationsmittler*innen in einer Region im Einsatz sind, steigt die Nachfrage beständig. Behörden, Beratungsstellen und Kliniken profitieren, da die Zusammenarbeit mit Migrant*innen effizienter und einfacher abläuft.

Fit für die Zukunft
Mithilfe onlinevideobasierter Sprach- und Integrationsmittlung wollen wir unsere soziale Dienstleistung flächendeckender verfügbar machen - gerade auch in ländlichen Regionen. So wird kultursensibles Dolmetschen auch für spontane Einsätze geeignet sein. Denn in der Notfallambulanz oder bei der Polizei kann oft nicht auf die Anfahrt von Dolmetschenden gewartet werden. Das SprInt-Netzwerk hat in Zusammenarbeit mit Translationswissenschaftler*innen Qualitätsstandards für „Video-SprInt“ entwickelt sowie eine spezielle Fortbildung für unsere Mittler*innen aufgelegt. In einem Modellprojekt mit dem Paritätischen Gesamtverband erproben wir diese Entwicklungen bereits und bieten zwischen Oktober 2018 und Mai 2019 telefonbasierte Sprachmittlung für 50 MBE (MBE = Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer)-Beratende an. Modellprojekte zu Video-SprInt stehen bereits in den Startlöchern.

Matthias Schug ist Bereichsleiter SprInt Transfer bei SprInt Wuppertal/der SprInt geGenossenschaft.

Kontakt:
schug(at)sprinteg.de
www.sprinteg.de


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