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Mädchenbeschneidung verhindern - durch Fortbildung und Vernetzung

Das Bildungsportal KUTAIRI

Günter Haverkamp

Schlagwort(e): Beratung, Beschneidung, Bildung, Genitalverstümmelung, Gesundheitsförderung, Prävention

Warum der Begriff Mädchenbeschneidung?
Ich vermeide hier, wie auch im gesamten Bereich meiner Arbeit, den Begriff „Genitalverstümmelung“, auch wenn mir dafür Verharmlosung vorgeworfen wird. Es wäre mir unmöglich, einen Begriff zu verwenden, von dem sich die Betroffenen so stark verletzt fühlen. Ich folge dabei der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die empfiehlt: „Dieses geschieht, um die Frauenärztinnen und Frauenärzte von vorneherein darauf aufmerksam zu machen, dass den betroffenen Frauen gegenüber nur von „weiblicher Beschneidung“ und nicht von „weiblicher Genitalverstümmelung“ gesprochen werden sollte, um eine zusätzliche Traumatisierung durch die Begrifflichkeit zu vermeiden.“

Sprache ist der Zugang zu den Menschen, die wir erreichen wollen. Das sind natürlich zunächst die betroffenen Frauen und Mädchen, das sind aber auch die Menschen, die wir einbinden wollen in unseren Kampf gegen Mädchenbeschneidung. In der Kommunikation entscheidet auch gerade die Wortwahl darüber, wie stark sich Zuhörer*innen dem Thema zuwenden und aktiv werden. Entsprechend wichtig ist in diesem Zusammenhang der einstimmige Beschluss des Runden Tisches NRW gegen Beschneidung von Mädchen 2007: „Es wurde noch einmal deutlich gemacht, dass das Wort ‚Verstümmelung’ den Respekt und die Würde der Betroffenen verletzt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschlossen einstimmig, das Wort ‚Verstümmelung’ als Runder Tisch NRW nicht mehr zu benutzen. Unberührt davon bleibt der Sprachgebrauch der einzelnen Institutionen in ihrer jeweiligen Arbeit.“

Grundproblem Informationsvermittlung
Da sind wir mitten in unserem Thema, denn völlig gleich, wohin uns unsere Sensibilisierung führt: Sie ist ein wichtiger Baustein zur Verhinderung von Mädchenbeschneidung. Nur wenn wir es schaffen, dass sich rund um die betroffenen Frauen und ihre Familien eine aufgeklärte Umgebung entwickelt, können wir ihnen helfen und Mädchenbeschneidung verhindern. Dazu gehört, dass Lehrer*innen und Erzieher*innen die Anzeichen erkennen können und Strategien zum Handeln gelernt haben. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die wichtig sind. Beispiele: Wenn ein Mädchen besonders stark vermeidet zu trinken, weil es den quälenden Toilettengang vermeiden möchte oder wenn der Flug nach London nur mit dem Mädchen stattfinden soll - dann sollten Alarmglocken läuten. Dazu gehört aber auch, dass die hochschwangere Frau im Krankenhaus nach Mitternacht ohne Vorankündigung und Mutterpass selbstverständlich auf ein kompetentes Personal stößt, das nicht aus Unwissenheit Fehler macht, die diese Situation hochgefährlich machen können.

Zunächst konnten wir 2011 zusammen mit Jawahir Cumar von der Beratungsstelle stop mutilation die Telefonberatung KUTAIRI (Kutairi: Kiswaheli = Beschneidung) installieren mit sechs Telefonen, sechs Sprachen, zweimal pro Woche besetzt. Nach dem Start des bundesweiten Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ beendeten wir die Telefonberatung. Zeitgleich erarbeiteten wir beim Runden Tisch NRW Handlungsempfehlungen mit unseren Forderungen an die Landespolitik, die wir den Abgeordneten des Landtags NRW 2014 übergaben. Eine der Hauptforderungen war die nach umfänglichen Fortbildungsmöglichkeiten für die vielen Tausend Menschen, die in Kitas, Schulen, Krankenhäusern, Ämtern oder Vereinen mit Basisinformationen versorgt werden müssen. Da das bei allem Eifer mit konventionellen Fortbildungen nicht zu schaffen ist, entstand bald die Idee zum Bildungsportal KUTAIRI, um Fort- und Weiterbildung unabhängig von Ort und Zeit anbieten zu können. Es dauerte aber noch bis 2016, bis wir das Projekt umsetzen konnten.

Charmante Untertreibung: der 20-Minuten-Exkurs
Wie immer ist der Einstieg wichtig. Deswegen verfügt unser Bildungsportal über ein Kurzzeitangebot, in dem die wesentlichen Grundlagen für die Arbeit im ehrenamtlichen oder beruflichen Umfeld vermittelt werden. Allerdings ist die Angabe von 20 Minuten ein eher theoretischer Wert, weil beim Lesen der Wissensdurst wächst, für den im Seitenbereich jeweils spannende und vertiefende Zusatzinformationen angeboten werden. Wir bieten diesen Einstieg getrennt für die wichtigsten Berufsbereiche an. Er richtet sich an Kita und Schule, ans Jugendamt, an den Flüchtlingsbereich, den medizinischen und an den Justizbereich. Die Inhalte sind ständig in Bewegung, weil sie durch Hinweise aus den Berufsgruppen angepasst werden.

Abteilung Dokumente und Medien
Mit der Infothek möchten wir den verschiedenen Berufsgruppen Tischvorlagen liefern, die für die fachinternen Teamsitzungen den Ausschlag für eine verstärkte Beschäftigung mit dem Thema geben können. Das ist überhaupt ein wesentliches Problem bei der Vermittlung des Themas Mädchenbeschneidung: der erste Anstoß, der den Impuls für eine Vertiefung liefern kann. Nur über eine große Vielfalt von möglichen Ansatzpunkten können wir diesen Impuls auslösen. Ist die berufliche Neugierde einmal geweckt, ändert sich sehr häufig die verbreitete Einstellung, dies sei ein zu vernachlässigendes Problem.

So befinden sich in der Infothek die unterschiedlichsten Medien und wir können jetzt wieder mit Unterstützung des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung das Angebot verstärkt aus- und umbauen. Dazu gehört die neu aufgelegte Broschüre „Nicht mit mir!“, mit der wir die betroffenen Frauen und Mädchen fast ohne Worte ansprechen, und die Plakate, die in Ämtern, Schulen oder Beratungsstellen helfen sollen, ein Gespräch zu beginnen. Auch hier haben wir natürlich das Wort „Verstümmelung“ vermieden, weil ja eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen werden soll.

Virtuelle Fortbildung
Einen immer größeren Raum nimmt der Bereich der Webinare und Webmeetings ein. Es ist eine großartige Chance, viele Menschen zu erreichen, die nicht von weither anreisen müssen. So können wir in eine Teamsitzung für eine kurze Phase einbezogen werden und vermeiden Anreise und Kosten. Es ist auch vorgesehen, spezielle Webinare mit Expert*innen zu besonderen Themen zu organisieren. Damit möglichst viele interne Fortbildungen stattfinden können, haben wir eine Präsentation eingestellt, die jederzeit im Internet abgespielt oder auch heruntergeladen werden kann.

Fortlaufend informiert sein
Quer durch die internationalen Medien suchen wir laufend nach Artikeln und Informationen, weil das eine sehr wichtige Form der Fortbildung ist und die Möglichkeit bietet, die weltweite Dimension weiblicher Genitalbeschneidung zu verstehen. Es sind aber oft auch die kleinen Geschichten oder Länderdetails, die Workshops lebendiger machen und denen Sicherheit geben können, die Fortbildungen anbieten wollen. Um das zu fördern, versenden wir regelmäßige einen Newsletter, der die wichtigsten Neuigkeiten zusammenfasst (siehe: https://www.kutairi.de/nl/).

Wir helfen
Schaut man sich die Menüleiste des Bildungsportals KUTAIRI an, so ist die linke Hälfte dem Wissen gewidmet und die rechte Hälfte der Aktivität. Darauf laufen alle Bemühungen hinaus: Menschen zu aktivem Handeln zu befähigen. Eine wichtige Unterstützung dabei sind die vielen Akteur*innen, die beraten und helfen. Eine weitere wichtige Anlaufstelle ist der Runde Tisch NRW, der in diesem Jahr sein 50. Treffen haben wird. Es ist ermutigend, dass der Zuspruch auch nach 13 Jahren weiterwächst. Hier ist eine starke Vernetzung in Nordrhein-Westfalen entstanden, die vielen Menschen den Mut gibt, sich ebenfalls einzusetzen. Genau das will auch das Bildungsportal KUTAIRI erreichen.

Günter Haverkamp leitet den Runden Tisch NRW gegen Beschneidung von Mädchen und entwickelte das Bildungsportal KUTAIRI.

Kontakt:
Aktion Weißes Friedensband e.V., www.kutairi.de, haverkamp(at)friedensband.de


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