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Migration, Flucht und Gesundheit

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Marika Steinke

SPuK Sprach- und Kommunikationsmittlung

Ein bewährtes Instrument für gelingende Teilhabe und Verständigung im Gesundheitsbereich

Schlagwort(e): Gesundheitsversorgung, Sprachmittlung, Teilhabe

Als Einwanderungsland ist Deutschland ein zunehmend mehrsprachiges Land, in dem nicht alle Bewohner*innen so gut Deutsch sprechen, dass sie sich in sämtlichen Lebenssituationen gut verständigen können. Dies betrifft auch den Bereich der gesundheitlichen Versorgung: den Termin beim Zahnarzt, die Schuleingangsuntersuchung durch das Gesundheitsamt, die Behandlung im Krankenhaus oder das Beratungsgespräch für Menschen mit Behinderungen. In diesen Situationen versuchen Institutionen, auf verschiedenen Wegen Abhilfe zu schaffen: Eigene (Fremd-)Sprachkenntnisse der Mitarbeiter*innen werden genutzt, hinzugerufene oder mitgebrachte Freiwillige oder Familienangehörige dolmetschen die Gespräche. Diese Vorgehensweisen können zwar einzelne Gesprächssituationen verbessern, stellen aber nur unzureichende Ansätze für die Beseitigung sprachlicher Barrieren im Gesundheitsbereich dar. Neben der Qualitätssicherung fehlen hier ein für alle Beteiligten klares und verlässliches Rollenbild der Dolmetscher*innen sowie ein unkomplizierter Zugang zu einer Vielzahl an Sprachen.

Das Konzept von SPuK
An diesem Punkt setzt die Sprach- und Kommunikationsmittlung SPuK an. Das Konzept „SPuK-OS“ wurde in mehr als zehn Jahren vom Caritasverband für die Diözese Osnabrück erarbeitet, in Zusammenarbeit mit Prof. Meyer von der Johannes-Gutenberg-Universität weiterentwickelt und in beständiger Praxis professionalisiert. Einrichtungen aus den Bereichen Soziales, Bildung, Gesundheit und Verwaltung setzen die Dienstleistung ein, um eine gute Verständigung mit Menschen mit geringen Deutschkenntnissen zu erreichen. Die SPuK-Vermittlungsstelle in Osnabrück hat dafür ein Netzwerk von mehr als 80 Personen aufgebaut, die durch ihre eigene Zuwanderungsgeschichte oder familiäre Mehrsprachigkeit Fremdsprachen sehr gut beherrschen. In einem Aufnahmeverfahren wird überprüft, ob ihre Dolmetscherfahrungen und ihr Wissen über Aufgabe und Rolle dem Anforderungsprofil des SPuK-OS-Konzepts entsprechen. Alle Netzwerkmitglieder verfügen über Deutschkenntnisse mindestens auf der Niveaustufe B2 des europäischen Referenzrahmens und werden regelmäßig in Fortbildungen zu Techniken, Rollenverständnis und den Einsatzbereichen geschult. Sie sind als selbstständige Honorarkräfte tätig und übernehmen - in unterschiedlichem Maße, je nach ihren zeitlichen Möglichkeiten und der Nachfrage für die von ihnen angebotene Sprache - Aufträge, für die sie von der Vermittlungsstelle angefragt werden.

Aspekte der Finanzierung
Für die Auftraggeber*innen ist die Zusammenarbeit mit den SPuK-Vermittlungsstellen eine spürbare Arbeitserleichterung. Sie können sich mit Dolmetschbedarfen für alle Sprachen an die Vermittlungsstelle wenden und sich auf das gesicherte Niveau aller Honorarkräfte verlassen. Zudem erfolgt die gesamte Abrechnung gebündelt über die Vermittlungsstelle, wodurch die Auftraggeber*innen Zeit und Aufwand sparen. Dies führt zu einer hohen Zufriedenheit der Nutzer*innen der Dienstleistung. So wurden beispielsweise im Jahr 2018 mehr als 7200 Einsatzstunden in der Region Osnabrück beauftragt. Das SPuK-OS-Konzept ist dabei auf den Betrieb einer Vermittlungsstelle ausgerichtet, die unabhängig von Fördermitteln ist, inklusive der dazugehörigen Qualitätssicherung und Fortbildungsangebote für die Sprach- und Kommunikationsmittler*innen. Der Stundensatz für die Dienstleistung umfasst daher auch einen kleinen Anteil zur Deckung der Personalkosten der Vermittlungsstelle sowie der Kosten für die Fortbildungen der Honorarkräfte. Die Übertragung des Ansatzes auf weitere Orte (Schwerin, Saarbrücken, Kassel) belegte die Praxistauglichkeit dieser Organisationsform. Eine solche eigenständig refinanzierte Struktur ist nach unserer Erfahrung unumgänglich, um das Instrument der Sprach- und Kommunikationsmittlung dauerhaft in Regionen zu verankern. Im Vergleich etwa zu den Feldern Soziales oder Bildung wird die Sprach- und Kommunikationsmittlung für medizinische und gesundheitliche Anlässe bisher weniger genutzt. Grund dafür ist vor allem die noch immer weitgehend ungeklärte Frage der Kostenträgerschaft. Für Termine bei niedergelassenen Ärzt*innen sehen sich die Krankenkassen als nicht zuständig an; bei Behandlungen im Krankenhaus gibt es zwar juristische Beurteilungen, welche die Kosten einer Sprachmittlung den allgemeinen Krankenhausleistungen zurechnen, die hieraus entstehenden Möglichkeiten werden aber von der Mehrheit der Kliniken kaum genutzt. (Siehe „Dolmetscher im Rahmen der gesundheitlichen Versorgung. Anspruch und Kostenübernahme“ vom Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages, Mai 2017 (WD 9 - 3000 - 021/17).) Darüber hinaus existieren Vorschriften zur Kostenübernahme von Sprachmittlung abhängig vom Aufenthaltsstatus oder spezifischen Bedarfen, wofür aber teilweise aufwendige Anträge gestellt werden müssen, deren Gewährung zudem abhängig von individuellen Ermessensentscheidungen ist. (Ebenda) Eine weitere Option der Finanzierung von Sprachmittlungsterminen sind (meist zeitlich befristete) Förderprogramme. (Z. B. das Projekt „Worte helfen Frauen“ des Niedersächsischen Sozialministeriums, das Sprachmittlungskosten u. a. für Frauenhäuser, Gewalt- und Schwangerenberatungsstellen übernimmt.) Zahlreiche Verbände und Akteure bemühen sich seit vielen Jahren um eine Verbesserung dieser Situation, um den Zugang zur gesundheitlichen Versorgung ohne Sprachbarrieren zu ermöglichen: unter anderem der Deutsche Ärztetag 2016 und 2017, die Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e. V.) sowie die Integrationsministerkonferenz im Jahr 2018. Auch wir plädieren für die dringend notwendige Veränderung dieser Situation und vor allem für die Einführung umfassender Regelungen zur Kostenübernahme für qualifizierte Sprach- und Kommunikationsmittlung im Gesundheitsbereich.    
Ein besonderer Schwerpunkt der SPuK-Einsätze im gesundheitlichen Bereich in Osnabrück sind Einsätze für das Psychosoziale Zentrum (PSZ) des Netzwerks für traumatisierte Flüchtlinge Niedersachsen (NTFN). Seit dessen Gründung im Herbst 2017 wurden bereits mehr als 1700 Stunden Sprach- und Kommunikationsmittlung in Sprechstunden, Beratungsgesprächen, Therapiegruppen und Psychotherapie eingesetzt. Der beständige Austausch zwischen PSZ und SPuK-Vermittlungsstelle sowie das übereinstimmende Verständnis des Auftrags der Dolmetscher*innen befördern diese Zusammenarbeit. Neben Fortbildungen, unter anderem zu Techniken der Selbstfürsorge, sind die angebotenen Supervisionen für die Sprachmittler*innen wesentlich, damit sie diese Einsätze gut durchführen und sich von den Eindrücken der Termine entlasten können.   

Zur Rolle der Sprachmittler*innen
Ausschlaggebend für die Kundenzufriedenheit und die erfolgreiche Kooperation mit einer Vielzahl von Auftraggeber*innen ist aus unserer Perspektive zudem die klare Definition der Rolle der Sprach- und Kommunikationsmittler*innen im SPuK-OS-Konzept. Vielfach sind Community-Interpreting-Angebote noch geprägt von unklaren oder mehrdeutigen Rollenbeschreibungen. So soll unparteilich gedolmetscht werden, zugleich besteht aber der Wunsch, dass Sprachmittler*innen über mögliche kulturelle Eigenheiten informieren oder zwischen einer vermeintlich deutschen und anderen Kultur vermitteln. Diese Erwartungen basieren auf einer zugeschriebenen gemeinsamen Kultur von Sprachmittler*innen und Gedolmetschten. Es wird angenommen, dass sie aufgrund einer oft nur vermuteten Übereinstimmung des Herkunftslands oder der Familiensprache eine Kultur teilen würden und deswegen in der Lage seien, Auskünfte und Einschätzungen zu geben. Dies birgt aus unserer Perspektive die Gefahr falscher Zuschreibungen oder Kulturalisierungen. Es wird versucht, individuelle Äußerungen oder Verhaltensweisen durch eine angenommene Gruppenzugehörigkeit zu erklären. Das SPuK-OS-Konzept hingegen sieht eine klare Beschränkung auf eine allparteiliche, transparente und vollständige sprachliche Übertragung aller Aussagen vor. Ziel ist es, den Gedolmetschten zu ermöglichen, selbst ihre Beweggründe, Überzeugungen und Vorstellungen zu erläutern sowie Auftraggeber*innen die Option für direkte Verständnisfragen zu eröffnen. Wir wollen durch die kontinuierliche Bestärkung dieses Rollenbildes z. B. in Fortbildungen oder Hinweisen an Auftraggeber*innen dazu beitragen, dass in Gesprächen mit Sprachmittlung starre Kulturbegriffe aufgebrochen werden und Patient*innen und Ratsuchende stärker individuell wahrgenommen werden. Insbesondere im gesundheitlichen Bereich, in dem eine differenzierte Wahrnehmung von Patient*innen Voraussetzung für eine umfassende Anamnese, Behandlung und Beratung ist, trägt eine qualifizierte und in der Rolle klar definierte Sprachmittlung zur Öffnung der Regeldienste für Zuwander*innen mit geringen Deutschkenntnissen bei und wird zu einem Baustein zur Erreichung gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe.

Marika Steinke ist Leiterin der SPuK-Vermittlungsstelle und des Projekts SPuK Bund 3 (Gefördert durch den europäischen Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF).) beim Caritasverband für die Diözese Osnabrück.

Kontakt:
m.steinke(at)spuk.info


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