Wir setzen auf dieser Website Cookies ein. Diese dienen dazu, Ihnen Servicefunktionen anbieten zu können sowie zu Statistik- und Analysezwecken (Web-Tracking). Weitere Informationen dazu und die Widerspruchsmöglichkeit zum Web-Tracking finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Migration, Flucht und Gesundheit

Migration und öffentliche Gesundheit

Seiteninhalt

Dana Zeisberger

Kunsttherapie für minderjährige unbegleitete Geflüchtete

Ein ehrenamtlich geführtes studentisches Projekt

Schlagwort(e): Freiwilliges Engagement, Psychotherapie, Traumatisierung, Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Das Projekt
Das ehrenamtlich geführte Projekt Rent-a-frame wurde von studentischen Mitgliedern des gemeinnützigen Vereins Enactus e. V. der Universität Frankfurt am Main ins Leben gerufen und startete im Januar 2016 (http://unifrankfurt.enactus.de/blog/projekte/1402/). In einer Frankfurter Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Geflüchtete, dem Valentin-Senger-Haus, wo Nachhilfe und auch psychologische Betreuung zur Verfügung stehen, sollte ihnen mit einer Maltherapie Zugang zu einer nonverbalen Ausdrucksmöglichkeit geschaffen werden. Von Enactus wurde ich als Kunsttherapeutin engagiert.

Allein im Jahr 2016 wurden in Deutschland 60.000 unbegleitete minderjährige Geflüchtete aufgenommen. Viele der Kinder und Jugendlichen waren auf ihrer Flucht bedrohlichen, wenn nicht sogar traumatischen Situationen ausgesetzt. Die Jugendlichen, die an der Kunsttherapie teilnehmen, sind unterschiedlichen Alters, meisten zwischen zwölf und 17 Jahren. Ich hatte aber auch schon deutlich jüngere Teilnehmer. Auch bei der Gruppengröße sind die Zahlen variabel, von einer Person bis zu zehn Personen ist alles möglich. Die Herkunftsländer sind meist die klassischen Krisengebiete, Afghanistan, Libyen, Syrien, Eritrea und einige afrikanische Länder. Die Verweildauer der Kinder und Jugendlichen betrug, als ich anfing, noch mehrere Monate, jetzt bleiben die Jugendlichen in der Regel vier bis sechs Wochen.

Die Kunsttherapie
Kunsttherapie ist eine Therapieform, die kreatives Schaffen in die therapeutische Arbeit einbezieht. Ziel ist es, durch Malen und Gestalten, das vorwiegend nonverbal geschieht, neue, bisher unbewusste Wege zu erproben und experimentell zu wagen. Der künstlerische Prozess an sich kann heilend wirken. Durch Selbstausdruck begibt man sich in die Rolle des Handelnden; dadurch können Selbstheilungskräfte und noch unentdeckte Ressourcen geweckt werden. Die entstehenden Bilder dienen als Brücke zum Unbewussten. Inneres Erleben kann so veranschaulicht und verbale Abwehr umgangen werden. Dies ermöglicht eine Wandlung der bisherigen Denk- und Handlungsweisen und kann heilsame Veränderungsprozesse anregen. Kunsttherapie ist für jeden geeignet und es braucht hierfür keine künstlerischen Vorkenntnisse. Sie kann in Einzel- oder Gruppensitzungen stattfinden.

Durch verschiedene Ausbildungen (Studium der freien Malerei an der Städelschule Frankfurt, langjährige Tätigkeit als Lehrkraft an der Gutenbergschule Frankfurt, Ausbildung zur Kunsttherapeutin bei Thurid Stewart in München) kann ich ein breites Spektrum anbieten, das die drei Aspekte freie Kunst, Kunstpädagogik und Kunsttherapie beinhaltet und bespielt. Für mich greifen diese Aspekte stark ineinander, sodass jemand, der zu mir in die Kunsttherapie kommt, durchaus auch etwas über freie Malerei lernen kann. In allen drei Bereichen geht es mir vor allem um Hilfe zur Selbsthilfe, um das Stärken von Selbstwert und Autonomie. Dafür ist die Berücksichtigung der folgenden Punkte wesentlich: Stärkung der Eigenverantwortlichkeit, Vertrauen auf die selbstregulierenden Kräfte einer Person, Akzeptanz und Achtung der individuellen Einstellungen und Wertvorstellungen sowie das Einbeziehen persönlicher Erfahrungen als Grundlage für Erkenntnisprozesse.

Kunsttherapie mit geflüchteten Jugendlichen
In die Kunsttherapiestunden mit geflüchteten Jugendlichen komme ich mit einem breiten Sortiment an Materialien, das ich anbiete; die Kommunikation darüber findet mit Händen und Füßen, auf Deutsch und Englisch statt. Ich habe Material, das sehr niederschwellig ist, das heißt, ich mache Angebote, bei denen man sozusagen nichts falsch machen kann. Besonders beliebt sind bei den Jugendlichen Schablonen, die sie nachzeichnen und dann farbig ausgestalten. Dies überfordert nicht und die Jugendlichen können bei der Tätigkeit entspannen. Ich biete sowohl hochwertiges Künstlermaterial an als auch Filz- und Buntstifte; die meisten Jugendlichen präferieren die schlichten, ihnen bereits vertrauten Materialien.

Meine Aufgabe ist es, mit voller Aufmerksamkeit präsent zu sein, Tipps und sehr viel positive Bestätigung zu geben. In der Kunsttherapie geht es zunächst um das Stabilisieren und darum, einen Raum für Vertrauen zu schaffen. Ist Vertrauen da, tauchen auch gelegentlich Bilder mit traumatischen Inhalten auf. Dann geht es darum, dies als eine gelebte Realität anzuerkennen und das Vertrauen zu würdigen, das einem entgegengebracht wird. Ich sage in diesem Fall: Ich bin jetzt dein Zeuge. Und verweise dann wieder auf das Hier und Jetzt und dass die Person in Sicherheit ist. Es gibt ganz verschiedene Arten und Weisen, wie mir die Jugendlichen ihre Bilder mit traumatischem Inhalt zeigen. Manche ganz offensiv, andere ganz verschämt, manche als Bilderrätsel, andere ganz offen und schnörkellos. Motive sind oft Darstellungen von Waffen, verletzten Körpern oder verletzten Tieren, auch gefährliche Tiere wie Tiger oder Schlangen tauchen auf. Wenn man mit solchem Material konfrontiert wird, ist es wichtig, Ruhe, Anteilnahme, Halt und Zuversicht auszustrahlen und immer wieder ins Hier und Jetzt zu verweisen.

In der Regel taucht traumatisches Material aber seltener auf, als man sich das vorstellt. Meistens möchten die Jugendlichen ein schönes Bild malen und sich daran erfreuen bzw. sich entspannen. Oft genießen sie das gemeinsame Tun, dass ihnen jemand dabei interessiert zuschaut oder sie lobt. Viele Bilder zeigen Nationalflaggen, manche können den Umriss ihres Landes auswendig und zeichnen eine Art Landkarte. Und es gibt viele deutsche Flaggen, mit denen auch Dankbarkeit dem neuen Land gegenüber ausgedrückt wird. Wenn sich die Jugendlichen auf eigene Motive einlassen, dann zeigen sie oft Einblicke in Wünsche, Sehnsüchte und manchmal Heimweh. Heimatliche Landschaften und Architektur, das Elternhaus werden dargestellt. Oft sind die Jugendlichen darin dann sehr versunken. Es tauchen aber auch romantische Motive auf, die jungen Menschen entsprechen, die sich nach einem Freund oder einer Freundin sehnen. Sehr oft wollen die Jugendlichen auch mir gegenüber Dankbarkeit ausdrücken: Ich bekomme viele Bilder, die mit großer Hingabe gezeichnet wurden, am Ende von den Jugendlichen geschenkt, weil sie sich bedanken oder ihren Respekt und ihre Achtung ausdrücken wollen. Dies sind für mich immer sehr berührende und wichtige Momente, da das Malen ihnen eben auch die Möglichkeit gibt, etwas zu erschaffen, was sie verschenken können, und so ein Kontakt auf Augenhöhe stattfinden kann: Geben und Nehmen in einem momentanen Gleichgewicht.

Resümee
Eine traumatherapeutische Behandlung kann immer erst beginnen, wenn die Kinder und Jugendlichen einen festen Ort haben, an dem sie bleiben können und der als haltender äußerer Rahmen funktioniert. Bis das erreicht ist, ist mein Angebot eine Art Zwischenlösung, die (kunst)therapeutische Erstversorgung. Ich kann aufgrund der kurzen Anwesenheitszeit der Geflüchteten und ihrer noch unsicheren Gesamtsituation sozusagen nur einen Impuls geben. Was ich erreichen kann: stabilisieren, den Selbstwert steigern, Hoffnung installieren, Entspannung ermöglichen und als verlässlicher Faktor präsent zu sein.

Diese Arbeit schenkt mir sehr viele spannende Begegnungen mit mutigen und freundlichen jungen Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Prägung. Die Begegnungen erweitern meinen Horizont, ich höre Sprachen die ich nicht kenne, ich bin jedes Mal von Neuem bezaubert, mit wie viel Modebewusstsein, Stil und Selbstironie die Jugendlichen sich kleiden und geben. Für mich sind es kleine Reisen voller nonverbaler Erzählungen. Mir ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen das Gefühl erhalten, es ist jemand mit einer liebenden und gütigen Aufmerksamkeit für sie da, der sie so nimmt, wie sie gerade sind. Ist dies gewährleistet, kann Vertrauen entstehen. Und das ist der erste Schritt zum Ankommen.

Dana Zeisberger ist Kunsttherapeutin in Frankfurt am Main.
Kontakt: mail(at)kunsttherapie-danazeisberger.de


zurück zur Übersicht

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung / Maarweg 149 - 161 / 50825 Köln / Tel +49 221 8992-0 / Fax +49 221 8992-300 /
E-Mail:
poststelle(at)bzga.de / E-Mail für Bestellungen von Medien und Materialien: order(at)bzga.de / Die BZgA auf Twitter

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist eine Fachbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit.