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Migration, Flucht und Gesundheit

Migration und öffentliche Gesundheit

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Lisa Konur

NULL bis SECHS BUNT

Beratung, Unterstützung, Neuanfang und Teilhabe für Flüchtlingsfamilien mit Kindern im Vorschulalter

Schlagwort(e): Beratung, Familie, Geflüchtete, Kinder

Bereits seit 2005 gibt es im Landkreis Marburg-Biedenkopf das niedrigschwellige präventive Beratungsangebot NULL bis SECHS. Unsere Zielgruppen sind Eltern, Alleinerziehende, Pflege- und Adoptiveltern, pädagogische Fachkräfte der Krippen und Kindertagesstätten sowie Tagesmütter und -väter mit Kindern von der Geburt bis zur Einschulung. NULL bis SECHS bietet einen frühzeitigen, breiten und dennoch systematischen Zugang zu schneller und wohnortnaher Beratung und Unterstützung. Im Fokus stehen Informieren, Beobachten, Beraten, Vernetzen und Vermitteln in weiterführende therapeutische oder unterstützende Angebote für Familien. Durch sechs Regionalbüros und regelmäßige Sprechstunden in vielen Kindertagesstätten hat NULL bis SECHS als erste Anlaufstelle eine gute Präsenz, ergänzt durch Eltern-Info-Veranstaltungen zu erziehungs- und entwicklungsrelevanten Themen, Eltern-Cafés und Gruppenangebote. Zum Kernangebot gehören auch Hausbesuche, Hospitationen, Verhaltensbeobachtungen in den Kinderbetreuungseinrichtungen und interdisziplinär besetzte Runde Tische. Dieses in Hessen noch einzigartige Angebot gehört zu den gut etablierten Angeboten im Netzwerk der Frühen Hilfen des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Träger ist das Kinderzentrum Weißer Stein Marburg-Wehrda e. V.

Viele Herausforderungen für geflüchtete Familien und pädagogische Fachkräfte
Vor dem Hintergrund der vermehrten Zuwanderung von geflüchteten Familien 2016 kam NULL bis SECHS BUNT (Beratung, Unterstützung, Neubeginn und Teilhabe für Familien mit Fluchterfahrung) hinzu, gefördert durch das hessische Sozialministerium. So waren Ende 2017 in unserem Landkreis allein in der Altersgruppe bis 6 Jahre 459 geflüchtete Kinder registriert (Kinder zwischen 0 und 6 Jahren mit Fluchthintergrund und Sozialleistungsbezug. Quelle: Landkreis Marburg-Biedenkopf/KJC.). Geflüchtete Familien haben viele Herausforderungen zu meistern. Viele der geflüchteten Kinder müssen traumatisierende Kriegs- und Fluchterfahrungen verarbeiten. Gemeinsam mit ihren Eltern stehen sie vor der umfassenden Aufgabe, eine neue Sprache zu erlernen und sich gleichzeitig mit einer bislang fremden Kultur auseinanderzusetzen, mit ihrer neuen Lebenssituation in Deutschland zurechtzukommen.

Den pädagogischen Fachkräften in den Kindertagesstätten kommt wiederum die Aufgabe zu, Zugangswege zu den betroffenen Kindern zu eröffnen, Sprachbarrieren auch im Kontakt mit den Eltern zu überwinden, kreativ nach Möglichkeiten zur Integration in die Gesamtkindergruppe zu suchen und hilfreiche Wege zur Stabilisierung der Kinder zu finden. Unterstützungsmöglichkeiten und Frühe Hilfen müssen den besonderen Bedürfnissen der gesamten Familie angepasst sein, um ein altersentsprechendes Aufwachsen der Kinder zu ermöglichen. Darüber hinaus besteht die Notwendigkeit, die zugezogenen Familien möglichst schnell mit dem bestehenden Sozial- und Bildungssystem bekannt und vertraut zu machen. Unser Angebot im Bereich von NULL bis SECHS BUNT umfasst Eltern-Kind-Gruppen mit muttersprachlichen Anleiterinnen, Info-Veranstaltungen sowie die Beratung und Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte bei der Kooperation zwischen Einrichtung und Eltern und Hilfen für die Kinder. Auch die Begleitung durch Dolmetscherinnen und Dolmetschern wird durch uns finanziert.

Zugang, Motivation und Mobilität
Der Zugang über ein Angebot dieser Art ist für viele der teilnehmenden Mütter ein völlig neuer, das gemeinsame Handeln von Elternteilen und ihren Kindern in Spiel- und Bewegungsangeboten vielfach unbekannt. Im interessierten und achtsamen Umgang mit den angebotenen Spielideen und Materialien, die, so lernten wir, äußerst robust sein sollten, hatten Eltern und Kinder keine Erfahrung. Die Verantwortung für die Kinder und ihr Handeln, auch das Trösten, wurde von den teilnehmenden Müttern an die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gruppe delegiert. Die Motivation der Teilnehmerinnen, an einem solchen Angebot teilzunehmen, erwies sich als sehr unterschiedlich. Während viele Frauen damit „Neuland“ betreten und zunächst mit Vorsicht und Skepsis auf Ablauf und Inhalte reagieren, freuen sich andere über die willkommene Abwechslung in ihrem Alltag. Erstere werden dann auch eher über Flüchtlingshelferinnen und -helfer auf das Angebot aufmerksam gemacht und dorthin begleitet, während die anderen eigenständig kommen, nachdem sie über eine muttersprachliche Kontaktperson informiert wurden. Fehlende oder eingeschränkte schriftsprachliche Fähigkeiten schränken den Einsatz schriftlichen (auch übersetzten) Informationsmaterials ein. Häufig fehlt aufgrund der unterschiedlichen Herkunftsländer eine gemeinsame Fremdsprache für die Gruppe, der sprachliche Zugang bleibt trotz der Anwesenheit einer muttersprachlichen Kontaktperson bei allen Treffen schwierig.

Einige Teilnehmerinnen kommen regelmäßig, andere gelegentlich. Eine große Rolle spielt hierbei die Mobilität der Familien(mitglieder). Weitere Wege, z. B. mit öffentlichen Verkehrsmitteln, werden kaum in Kauf genommen. Als Erfolg können wir verbuchen, dass teilnehmende Mütter erstmals im Kontext dieses Angebots eine Kinderbetreuungseinrichtung betreten haben - etwas, das in den meisten Fällen, auch aufgrund des sprachlichen Vorsprungs, von den Vätern übernommen wird.

Umfangreiche Beratungsbedarfe bei entwicklungs- und erziehungsrelevanten Themen
Zunehmend werden umfangreiche Beratungsbedarfe auch in Kooperation mit den Kitas und im Übergang Kita-Schule deutlich. Nun kommen auch entwicklungs- und erziehungsrelevante Themen zur Sprache wie elterliches Erziehungsverhalten, Medienkonsum, Schlafverhalten, Förderung der sprachlichen Entwicklung, Entwicklung und besondere Verhaltensweisen der Kinder, z. B. schreckhaftes, ängstliches oder Rückzugsverhalten, posttraumatische Belastungssymptome oder auch extrovertiertes, aggressives Verhalten mit einer mangelnden Bereitschaft, Regeln und Grenzen zu akzeptieren. Gespräche dieser Art mit Dolmetscherbegleitung sind sehr zeitaufwendig. Der Fokus der pädagogischen Fachkräfte hat sich ebenfalls erweitert. Die von den Kindern gezeigten Verhaltensweisen werden nicht mehr ausschließlich mit einer vermuteten Traumatisierung durch Fluchterlebnisse in Verbindung gebracht. Hier bietet sich für die Kinder eine weitere Chance auf ein gesundes und gelingendes Aufwachsen, wenn die eigene Betroffenheit der Fachkräfte anlässlich der zweifelsohne zum Teil dramatischen Berichte der Eltern über deren Fluchterlebnisse bearbeitet und dann auch wieder etwas in den Hintergrund treten kann. Vielfach sind Offenheit und Verständnis für die Familien groß, dennoch wünschen sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kindertagesstätten von den Eltern mehr Kooperationsbereitschaft, beispielsweise in Bezug auf zeitliche und organisatorische Abläufe in den Einrichtungen. Als hilfreich erweist sich auch die allmähliche Stabilisierung in der Organisationsstruktur der Flüchtlingsarbeit auf formeller und informeller Ebene. Aufgabenbereiche und Zuständigkeiten sind inzwischen besser zuzuordnen, offizielle und ehrenamtliche Ansprechpartnerinnen und -partner bleiben über einen längeren Zeitraum konstant.

Mit Blick auf die Verstetigung dieses Projekts möchten wir individuelle Beratungskontakte mit Eltern von Kindern mit Fluchterfahrung im Rahmen unseres Gesamtangebots weiter ausbauen und die Fachkräfte gut begleiten. Um hier flexibel und adäquat auf die tatsächlichen und sich immer wieder verändernden Bedarfslagen reagieren zu können, sind ausreichend personelle und zeitliche Ressourcen unabdingbar.

Lisa Konur, Leiterin der Beratungsstelle NULL bis SECHS
Kontakt: L.konur(at)kize-weisser-stein.de


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