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Migration, Flucht und Gesundheit

Migration und öffentliche Gesundheit

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Alexandra Blattner, Hannah Zanker

Muttersprachliche psychosoziale Beratung von Geflüchteten für Geflüchtete

Ein niederschwelliges Modellprojekt des Krankenhauses St. Josef, Schweinfurt, und Ärzte ohne Grenzen, Deutschland

Schlagwort(e): Geflüchtete, Gesundheitsversorgung, Lebenswelt, Psychotherapie, Sprachmittlung, Traumatisierung

Problemlage und Versorgungssituation
Weithin bekannt ist, dass Geflüchtete psychisch besonders vulnerabel sind. Aus prekären Bedingungen im Heimatland, Erlebnissen während der Flucht sowie widrigen Lebensumständen und fehlenden Zukunftsperspektiven im Aufnahmeland resultiert eine teilweise immense psychische Belastung. Diese ist meist eher eine normale Reaktion auf unnormale Erlebnisse und Lebenssituationen. Gleichzeitig konstatiert die WHO sehr deutlich: „There is no health without mental health“.

In den Herkunftsländern vieler Geflüchteten gibt es keinerlei psychosoziale Versorgung, entsprechend fehlt ihnen oft ein Krankheitsverständnis. Sie werden nach ihrer Ankunft nicht über die psychosozialen, psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgungssysteme in Deutschland informiert und zeigen bei psychischer Belastung häufig körperliche Symptome, mit denen sie sich an eine/n Allgemeinarzt/ärztin wenden.

Die psychosoziale Versorgungssituation von Geflüchteten in Deutschland ist aufgrund individueller und struktureller Barrieren unzureichend. Posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen, Depressionen oder auch suizidale Krisen bleiben somit häufig unentdeckt und/oder unbehandelt. Bei der Behandlung stellt die Sprachbarriere ein großes Problem dar, zumal die potenziellen Behandler/innen die kulturell geprägten Konzepte von psychischen Leiden oft nicht kennen. Kritisch wird dieses Verständigungsproblem, da die Finanzierung von Dolmetschern nicht gewährleistet ist. Im laufenden Asylverfahren sind Geflüchtete zudem allgemeinen Beschränkungen der Gesundheitsversorgung unterworfen. So ergibt sich bei vielen Behandler/innen eine gewisse Scheu vor Klient/innen mit Fluchterfahrung, die durch vermutete Traumatisierungen und den Schweregrad der psychischen Belastung sowie den hohen zusätzlichen organisatorischen Aufwand (Dolmetscherbeantragung, Beantragung der Kostenübernahme von Behandlungen) bedingt wird.

Aus diesen Barrieren resultiert, dass mit den begrenzten Ressourcen der bisherigen, fachlich hochspezialisierten Strukturen keine adäquate Versorgung gewährleistet werden kann. Das innovative Modellprojekt des Krankenhauses St. Josef nach dem Arbeitsansatz von Ärzte ohne Grenzen zeigt einen alternativen, präventiven Weg auf.

Projektbeschreibung
In der „Ambulanz für Seelische Gesundheit St. Josef“ bieten speziell geschulte Geflüchtete psychosoziale Beratung für neu angekommene Geflüchtete an - in der Muttersprache und direkt vor Ort in der Schweinfurter Aufnahmeeinrichtung. Zum Team gehören derzeit drei geflüchtete psychosoziale Berater (jeweils 75 Prozent, eine vierte Stelle ist derzeit ausgeschrieben), zwei Psychologinnen (insgesamt 125 Prozent) und eine psychologische Praktikantin. Die psychosozialen Berater/innen leben bereits seit einiger Zeit und mit festem Aufenthaltstitel in Deutschland und befinden sich in fester Anstellung am Krankenhaus St. Josef. Sie verfügen teilweise über berufliche Vorerfahrung im sozialen Bereich; noch wichtiger ist jedoch menschliche Eignung, wie zum Beispiel Empathiefähigkeit.

Es wurden insgesamt 376 Klient/innen durch unser Projekt betreut. Diese stammen zum Großteil aus den Ländern Syrien, Algerien, Afghanistan, Somalia, Elfenbeinküste und Nigeria, einige wenige Personen auch aus den Ländern Iran, Irak und Armenien. Momentan können wir die Sprachen Somalisch, Arabisch, Kurdisch, Persisch und Englisch betreuen.

Zu Beginn der Tätigkeit wurden die Berater/innen intensiv durch Ärzte ohne Grenzen geschult und werden nun weiterhin von den Psychologinnen in ihrer Arbeit durch Supervision und Fortbildung unterstützt. Das Projekt existiert seit Februar 2017 und wird seit August 2017 allein vom Krankenhaus St. Josef getragen. Die Projektlaufzeit ist aktuell begrenzt bis Mai 2019.

Nach einem individuellen ersten Kennenlerngespräch erfahren Geflüchtete in drei Gruppenterminen, was körperliche und psychische Gesundheit ist, welche Hilfen es in Deutschland gibt, was Stressauslöser sind und wie diese mit individuellen Stresssymptomen zusammenhängen (sog. Psychoedukation). Die psychosozialen Berater/innen geben konkrete, hilfreiche Strategien im Umgang mit Stress an die Hand, animieren zum Beispiel zu sportlicher Aktivität, Schlafhygiene und aktiver Alltagsgestaltung. In den Gruppen tauschen sich die Klient/innen über Belastungen und ihren Umgang damit aus. Viele machen hier die erleichternde Erfahrung, dass es anderen ähnlich geht wie ihnen. Sie erkennen, dass ihre teilweise massiven Stresssymptome wie Schlafstörungen, Albträume oder Angstzustände kein Zeichen dafür sind, dass sie verrückt werden, sondern dass diese eine normale Reaktion auf extreme Belastungen darstellen. Wir stärken die Ressourcen der Klient/innen, was vielen wieder Kraft und Selbstvertrauen gibt. Neben den Gruppen werden auch Einzelgespräche angeboten.

Wirkungsweise und Notwendigkeit
Durch den eigenen Fluchthintergrund, dieselbe Sprache und ihr Wissen um die kulturelle Prägung von Gesundheitskonzepten sind die psychosozialen Berater/innen „Peers“ für ihre Klient/innen. Die Gemeinsamkeiten machen sie zu Rollenvorbildern und ermöglichen ihnen einen leichteren Zugang zu den Ankommenden. Das Beratungsangebot ist niederschwellig, kostenfrei und unabhängig vom Asylstatus direkt in der Unterkunft allen Bewohner/innen zugänglich. Der Ansatz ist präventiv und ressourcenorientiert. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, Personen mit höherem Hilfebedarf an psychiatrische Behandlungsangebote weiterzuvermitteln.

Die Psychoedukationsgruppen werden anhand von standardisierten Fragebögen und einem Evaluationsbogen auf Wirksamkeit überprüft. Eine Fachpublikation mit der ersten Evaluation ist derzeit in Arbeit. Insgesamt zeigt sich eine hohe Zufriedenheit der Klient/innen mit den Gruppen und zahlreiche Zitate von Klient/innen bestätigen die Sinnhaftigkeit des Projektansatzes: „Wir brauchen nicht nur einen Arzt für den Körper, sondern auch jemanden wie Euch zum Reden.“ Die Klient/innen haben häufig die erstmalige Gelegenheit, mit einer neutralen, vertrauenswürdigen Person über ihre Sorgen zu sprechen. Durch die Vermittlung des Stresskonzepts und den Austausch in der Gruppe entsteht Normalisierung und Erleichterung. Gleichzeitig wird die Möglichkeit für soziale Unterstützung über die Gruppen hinaus im Alltagsleben der Unterkunft gegeben. Durch die Fokussierung auf Ressourcen und Bewältigungsstrategien werden die Klient/innen motiviert, selbst Einfluss auf ihre psychosoziale Gesundheit zu nehmen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Schweinfurter Modellprojekt des Krankenhauses St. Josef den international erprobten Ansatz von Ärzte ohne Grenzen erfolgreich auf den deutschen Kontext überträgt. Es leistet präventive psychosoziale Hilfe, adressiert Bedarfe frühzeitig und vermittelt bei schwereren Fällen in psychiatrische bzw. psychotherapeutische Behandlung. Der hohen Notwendigkeit von psychosozialer Versorgung Geflüchteter wird angesichts der bestehenden Versorgungslücke in Deutschland durch den Projektansatz effektiv Sorge getragen.

Die „Ambulanz für Seelische Gesundheit St. Josef“ wurde mit ihrem Projekt „SoulTalk“ für den Deutschen Integrationspreis 2018 nominiert und belegte im Vorrundenwettbewerb den dritten Platz. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie zum Beispiel auf www.startnext.com/soultalk

Alexandra Blattner und Hannah Zanker sind Psychologinnen; sie haben die Projektleitung der Ambulanz für seelische Gesundheit in der Aufnahmeeinrichtung inne und sind angestellt am Krankenhaus St. Josef, Schweinfurt.

Kontakt:
Alexandra Blattner: blattner(at)josef.de
Hannah Zanker: zanker(at)josef.de


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