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Migration, Flucht und Gesundheit

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Torsten Weber

"MenSano" - Gesundheitsförderung in Asylbewerberheimen

Schlagwort(e): Geflüchtete, Gesundheitsförderung, Männer

Das Männernetzwerk Dresden e.V. startete im November 2013 das Projekt "MenSano - Gesundheitsförderung in Asylbewerberheimen" für asylsuchende Männer, die in Gemeinschafts-unterkünften Dresdens lebten. Ziel war es, einen präventiven Beitrag zur Gesundheitsförderung unter besonderer Berücksichtigung psychosozialer Aspekte zu leisten. Die Kernexpertise unseres Trägers ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit bzw. die Reflexion von Männlichkeitskonstruktionen. Wir beschäftigen uns damit, wie Männer in der Gesellschaft wahrgenommen werden, welche Ressourcen, aber auch Herausforderungen aus dem "Mann-Sein" entspringen, welche Zuschreibungen es gibt und was für Männer daraus folgen kann. Wir möchten mit unserer Arbeit für und mit Männern dazu beitragen, dass es mehr Möglichkeiten für alle in unserer Gesellschaft gibt - für Männer, Frauen und andere Geschlechter. In diesem Sinne wollten wir auch mit männlichen Asylbewerbern arbeiten. Folgende Aspekte interessierten uns:

  • Die Asylbewerber sind überwiegend männlich.
  • Geflüchtete Männer bringen ihre tradierten Männlichkeitsbilder mit und treffen in Deutschland auf Männlichkeitsentwürfe und Orientierungen, die sie befremden und verunsichern (z. B. Männer in Elternzeit, offen gelebte Homosexualität).
  • Die Gewissheit der eigenen geschlechtlichen Identität ist für männliche Asylbewerber oft eingeschränkt und besonders bedroht, weil fundamentale Kriterien dafür nicht mehr erfüllbar sind (Lebensunterhalt selbst verdienen, Autonomie, Eigenverantwortung), dazu kommen veränderte Rollen- und Familienbilder in der Aufnahmegesellschaft.
  • Asylsuchende geraten in Konflikte, die aufgrund der Sprachbarriere nicht verbal gelöst werden können.
  • Viele sozialpädagogischen Angebote bzw. Beratungsstellen sind personell mit Frauen besetzt - das erschwert u. U. die Anschlussfähigkeit männlicher Asylsuchender und hat Einfluss darauf, was sie von sich preisgeben und wie sie ihre Männlichkeit "inszenieren".

Das Projekt "MenSano" wurde bis März 2015 im Umfang von 20 Wochenstunden umgesetzt.

Konzeptionelle Grundhaltungen
Neben einer grundsätzlichen Ressourcenorientierung war insbesondere das ganzheitliche Konzept der Salutogenese von Antonovsky und dessen zentraler Begriff der Kohärenz für unsere Tätigkeit handlungsleitend. Drei wesentliche Aspekte tragen demnach dazu bei, dass Gesundheit entsteht bzw. Gesundheit erhalten wird:

  • Verstehbarkeit -  die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen
  • Handhabbarkeit - die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können
  • Sinnhaftigkeit - der Glaube an den Sinn der Ereignisse des Lebens

Im Rahmen des Projekts wurde schnell deutlich, dass vielen asylsuchende Männer das Gefühl der "Kohärenz" fehlte und dass unsere Angebote daran nur wenig ändern konnten, da wir auf zentrale Aspekte gar keinen Einfluss hatten: Entscheidungen und Abläufe im Asylverfahren, Entfernung zu Heimatland und Familie, fehlende Arbeitsperspektiven sowie geringe Spielräume für die Lebensgestaltung und gesellschaftliche Teilhabe.

Unsere Angebote
Aufsuchende Arbeit: Grundlegendes Angebot war zunächst die aufsuchende Arbeit in zwei Gemeinschaftsunterkünften, um niedrigschwellig in den Austausch zu kommen und Hilfebedarfe zu erkunden. Bei diesen Gesprächen ging es überwiegend um juristische bzw. administrative Themen, die zwar keinen unmittelbaren Bezug zum Auftrag der Gesundheitsförderung hatten. Salutogenetisch betrachtet, förderte der Austausch jedoch Verstehbarkeit und Handhabbarkeit und fungierte zudem als "Türöffner" für die weitere Arbeit. Explizit wurde das Thema Gesundheit, wenn Bewohner um Übersetzung von Medikamenten-Beipackzetteln baten, Stressoren wie beengte Wohnverhältnisse und Angst vor Abschiebung oder der problematische Umgang mit Alkohol und Drogen zur Sprache kamen.
Psychosoziale Beratung: Asylsuchende Männer sollten dabei unterstützt werden, problematische Situationen zu bewältigen sowie Entlastungs- bzw. Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Die Rahmenbedingungen für die Beratung waren durch Raummangel in den Unterkünften denkbar schlecht; unser Versuch, die Beratung in die eigenen Räumlichkeiten zu verlagern, scheiterte u. a. an der Hochschwelligkeit einer Komm-Struktur. Die Einbeziehung eines Dolmetschers war hilfreich, offenbarte jedoch auch Potenzial für Missverständnisse und Filterung des Gesagten. Erschwerend kam hinzu, dass Beratungsmethoden wie zirkuläre Fragen oder Systemaufstellungen kulturell bedingt kaum anschlussfähig waren.
Gruppenangebote: Mit der Umsetzung von Gruppenangeboten wollten wir einerseits Kontraste im Alltag der Asylsuchenden schaffen, andererseits die Beziehungen der Bewohner untereinander stärken. Auf eine sehr gute Resonanz stieß dabei das Kochprojekt. Die Begegnung in diesem informellen und "lustbezogenen" Setting ermöglichte in der Folge eine gefestigtere Beziehung zu den Bewohnern sowie tiefergehende Gespräche. Der Versuch eines regelmäßigen Sportangebots (Volleyball) scheiterte an der geringen Verbindlichkeit der Absprachen bzw. an den generellen Schwierigkeiten einer Komm-Struktur (u. a. Kosten des Fahrscheins).
Thementag "Gesundheit": Auf Anfrage eines Bildungsträgers gestalteten wir einen "Gesundheitstag" für asylsuchende Männer, die einen Sprachkurs absolvierten. Hier wurden die Teilnehmer ermutigt, über ihre Bedürfnisse zu sprechen sowie Aspekte zu benennen, die ihrer Gesundheit förderlich sein könnten. Darüber hinaus wurde erarbeitet, welche Ressourcen, Fähigkeiten und Kenntnisse jeder Einzelne nach Deutschland mitgebracht hatte und wie sich diese mit Blick auf die (Wieder)Herstellung von Gesundheit nutzen ließen. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg - die Zusammenarbeit mit einem Bildungsträger stellte sich als sehr günstig heraus, da dieser den Zugang zu den Adressaten hatte und diese in unsere Räume begleitete. Für viele der Teilnehmer war es der erste Ort, an dem sie "offiziell" nach ihren Bedürfnissen, Sorgen und Schwierigkeiten gefragt wurden und an dem sie sich pädagogisch begleitet mit anderen austauschen konnten.
Kollegiale Fallberatung: Im Rahmen unserer Netzwerkarbeit entstand die Idee, Fachkräften der Migrationssozialarbeit Zeit und Raum zur Reflexion ihres beruflichen Handelns sowie zur Bewältigung von belastenden oder bedrückenden Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Hintergrund war unsere Überlegung, dass das Thema Gesundheit nicht nur auf Ebene der unmittelbaren Zielgruppe zu bearbeiten ist, sondern dass pädagogische Fachkräfte sehr genau ihre eigenen Grenzen und ihr körperlich-seelisches Gleichgewicht im Auge behalten müssen, um selbst gesund zu bleiben bzw. den Adressaten im Vollbesitz ihrer Kräfte zur Verfügung stehen zu können. Methodisch wählten wir dafür das Format Kollegiale Beratung, das auf große Resonanz. stieß. Dabei stand einer unserer Mitarbeiter als Moderator zur Verfügung und konnte auch die Perspektiven "Männlichkeit" und "Gesundheit" in die Fallbearbeitung einbringen, wodurch ein vertieftes Fallverständnis und überraschende Lösungen möglich wurden.

Fazit:
Unserer Erfahrungen mit dem Projekt legen nahe, dass explizite Gesundheitsthemen in der "Dringlichkeitshierarchie" der Geflüchteten offensichtlich deutlich hinter anderen Problemen (z. B. Klärung des Aufenthaltsstatus, Sicherstellung materieller Versorgung, Orientierung in einer fremden Welt) rangierten und schwer zu vermitteln waren. Weitet man jedoch den Blick auf ein salutogenetisches Verständnis, so konnten wir mit den Geflüchteten an den Aspekten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit ansetzen und damit an deren Kohärenzgefühl arbeiten. Darüber wurde deutlich, dass die Arbeit mit Fachkräften und Multiplikator*innen zu den Themen "Männlichkeit" bzw. "Gesundheit" eine wesentliche Ergänzung zur unmittelbaren Arbeit mit den Geflüchteten selbst darstellt. Hinsichtlich des Themas "Männlichkeit" bestätigten die Rückmeldungen, dass sich die geflüchteten Männer bei uns gut aufgehoben fühlten. Sie betrachteten die sozialpädagogische Arbeit nicht als Bedrohung ihrer Männlichkeitsentwürfe, sondern überwiegend als Stärkung und Ressource. Eine präventive Gesundheitsförderung ist unserer Erfahrung nach ein hilfreicher und sinnvoller Beitrag zur sozialpädagogischen Arbeit mit geflüchteten Männern. Sie hilft, die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Alltags zu bewältigen.

Torsten Weber, Leiter der Fachstelle für Jungen- und Männerarbeit beim Männnernetzwerk Dresden e.V., Projektverantwortlicher für MenSano 2013 - 2015
Kontakt: fachstelle(at)mnw-dd.de


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