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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteFlüchtlinge in die Pflege integrieren

Daniel Gehrmann

Flüchtlinge in die Pflege integrieren

Erfahrungen mit dem ESF-Teilprojekt „CHANCE+ Kompetenznetzwerk Flüchtlinge und Arbeit“ des Caritasverbands für den Kreis Mettmann e.V.

Schlagwort(e):Arbeit, Geflüchtete, Pädagogik, Pflege, Sprachmittlung

Flüchtlinge in die Pflege zu integrieren, ist eine Win-win-Situtation. Nicht nur, weil in diesem Sektor ein akuter Fachkräftemangel herrscht - was für Flüchtlinge weniger Konkurrenz bedeutet: Häufig bringen Menschen aus anderen Kulturkreisen Senior*innen viel Respekt und Zuneigung entgegen. Wenn das Verhältnis zwischen Senior*innen und Flüchtlingen von großer Herzlichkeit und Wärme geprägt ist, dann auch deshalb, weil beide in dem Anderen mitunter einen Ersatz für familiäre Nähe im Alltag finden. Allerdings ist die berufliche Integration in die Pflege weder ein Selbstläufer noch für alle Flüchtlinge der richtige Weg. Damit Integration in der Pflege gelingt, braucht es ein auf professioneller Erfahrung basierendes, tieferes Verständnis und daraus resultierende Kompetenz sowohl im Pflegebereich als auch in der Arbeit mit Flüchtlingen. Hieraus müssen feste Strukturen erwachsen, etwa die Anbindung jedes auszubildenden Flüchtlings an Kontaktpersonen in der Pflegeeinrichtung, die Ansprechpartner*innen bei Fragen und Problemen sind.

Qualifizierung zu Alltagsbegleiter*innen
Über diese Kompetenzen verfügt der Caritasverband für den Kreis Mettmann e.V. und hat sie in das bei ihm angegliederte ESF-Teilprojekt (ESF = Europäischer Sozialfonds) „CHANCE+ Kompetenznetzwerk Flüchtlinge und Arbeit“ eingebracht. Im Rahmen des Projekts werden Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit integriert sowie zu allen vorbereitenden Schritten beraten. Der Pflegesektor bildet dabei einen der Schwerpunkte. So wurden zwei Mal erfolgreich Qualifizierungen zu Alltagsbegleiter*innen angeboten. Insgesamt 23 Personen schlossen die Kurse mit einem Zertifikat ab, das ihnen ermöglicht, als Alltagsbegleiter*innen tätig zu werden; sie können etwa Hausarbeit oder Einkäufe übernehmen, Senior*innen zu Spaziergängen begleiten oder an der Tagesgestaltung durch den Sozialen Dienst in Heimen mitwirken. Durch Organisation und enge Begleitung der Kurse konnten im Projekt wertvolle zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden. Unter anderem zeigte sich, woran es bei Interessierten für eine qualifizierte Ausbildung oft fehlt: an ausreichenden Sprachkenntnissen (Niveau B2) sowie einem erforderlichen Schulabschluss, der mindestens dem deutschen Hauptschulabschluss 10b entspricht. Das zum Kurs dazugehörende Sprachcafé unter der Leitung von Ehrenamtlichen war eine hilfreiche Ergänzung, konnte aber ein professionelles Sprachtraining mit Sprachprüfung nicht ersetzen.

Erfolge bei der Ausbildung
Zwei Teilnehmerinnen aus den Kursen haben inzwischen eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen; eine dritte hat eine einjährige schulische Ausbildung zur Altenpflegehelferin aufgenommen. Eine weitere Projektteilnehmerin, die sich für die Pflege interessierte, hat den direkten Einstieg in die dreijährige Ausbildung über ein Praktikum geschafft. Damit sichern alle vier zugleich den eigenen Aufenthalt und den ihrer Familien in Deutschland. Durch die Qualifizierungskurse, zu denen auch ein Praktikum gehörte, und durch die Vermittlung in Ausbildung sind inzwischen gute Kontakte zum Pflegebereich der Caritas und anderer Träger entstanden. Diese Kontakte zahlen sich für beide Seiten aus: Für das Projekt erhöhen sie die Vermittlungschancen seiner Teilnehmer; die Träger in der Pflege finden über das Projekt verlässliche Ansprechpartner für alle Fragen rund um Aufenthalt und eventuell notwendige Genehmigungen für Arbeit und Ausbildung. Über gute Kontakte ist es schon mehrfach gelungen, Menschen in Ausbildungen in der Altenpflege zu vermitteln, auch wenn der bisherige Lebenslauf oder fehlende Zeugnisse die Chancen einer rein postalischen Bewerbung deutlich schmälern würden. Die Einrichtungen, die Bewerber*innen eine Chance geben und sich auf Menschen ohne die klassischen Qualifikationen einlassen, machen in der Regel positive Erfahrungen und sind später erneut bereit, Flüchtlinge auszubilden oder einzustellen.

Zu den Stärken des Qualifizierungskurses zählen seine differenzierte thematische Aufstellung sowie die Mischung aus Theorie und Praxis. Einblicke in die Pflege halfen noch unentschlossenen Teilnehmer*innen bei der Entscheidung für oder gegen die Pflege. Die integrierten Praktika hatten den doppelten Vorzug, das im Unterricht erlernte Wissen anwenden zu können und den Teilnehmenden einen Erfolg auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu bieten. Alle Teilnehmer*innen der Kurse kamen deutlich gestärkt, selbstbewusster und kompetenter aus den Praktika zurück. Die Vermittlung solcher sozialer Kompetenzen war sogar für diejenigen Teilnehmer*innen hilfreich, die sich letztlich gegen die Pflege entschieden.

Nützliche Erfahrungen
Aus den Erfahrungen mit den Kursen konnten auch die Caritas und das Projekt viele nützliche Lehren ziehen. Zum einen ist ein sprachliches Mindestniveau bei Kursbeginn wichtig, um dem Unterricht folgen zu können und um anschließend fit für die Aufgaben von Alltagsbegleiter*innen zu sein. Als wichtiger Bestandteil hat sich die Begleitung der Teilnehmenden durch Ehrenamtliche erwiesen: Sie helfen bei Problemen und Fragen, bieten Orientierung, behalten Termine mit im Blick und fördern und erhalten die Motivation der Teilnehmer*innen während des gesamten Prozesses bis hin zur anschließenden Stellensuche. Auch ein sprachliches Training, nicht nur für die Fachsprache, ist wichtig. Ein von Ehrenamtlichen geleitetes Sprachcafé hat sich als nicht ausreichend erwiesen; um das Sprachniveau der Teilnehmer zu heben und um womöglich zum Ende einen Test für ein bestimmtes Sprachniveau anbieten zu können, ist ein professioneller Unterricht unbedingt erforderlich. Die Vermittlung von Sozialkompetenzen (oft als „soft skills“ bezeichnet) sollte in den Unterricht einbezogen werden; dort sollte zudem vermittelt werden, dass Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit auch für einfache Arbeiten stets erwartet werden.

Enger Kontakt und Perspektive führen zum Ziel
Ob dreimonatige Schulung oder dreijährige Ausbildung: Eine enge Anbindung an Kontaktpersonen ist von zentraler Bedeutung, um Probleme frühzeitig zu erkennen und Unterstützung bieten zu können. Ebenso wichtig ist eine klare Perspektive: Eine Qualifizierung, die nicht erkennbar zu einem Ziel führt, ist nicht motivierend und wird erfahrungsgemäß eher abgebrochen. Pflegeketten, bei denen Teilnehmende niedrigschwellig einsteigen und sich in mehreren Schritten qualifizieren können, haben gleich drei Vorteile: Erstens sind sie durch die klare Modulstruktur einfacher und übersichtlicher zu organisieren und zu vermitteln; zweitens können höherwertige Qualifizierungsangebote (Ausbildung) Teilnehmer*innen aus Einstiegsangeboten rekrutieren, die sich bewährt haben, während niedrigschwellige Angebote schon den Ausblick auf eine qualifizierte Tätigkeit eröffnen; drittens ergeben sich Synergieeffekte, etwa dort, wo höherwertige Qualifizierungen auf die Vorkenntnisse der vorangehenden zurückgreifen können; zugleich geben sie einen ersten Eindruck von den Teilnehmer*innen aus den Vorkursen.

Daniel Gehrmann ist Projektmitarbeiter beim Projekt „CHANCE+ Kompetenznetzwerk Flüchtlinge und Arbeit“, das beim Caritasverband für den Kreis Mettmann e.V. angegliedert ist.

Kontakt:Daniel.Gehrmann(at)caritas-mettmann.de


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