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Mirja Keller

„Khala, Kopf kaputt?!“

Traumapädagogische Unterstützung für geflüchtete Menschen

Schlagwort(e):Bildung, Geflüchtete, Gesundheitsversorgung, Lebenswelt, Psychotherapie, Traumatisierung

Die Flucht von Menschen ist meist durch zuvor erfahrene lebensbedrohliche Ereignisse im Herkunftsland, durch unsichere Bedingungen während der Flucht und durch hochgradige Belastungserfahrungen im Aufnahmeland geprägt. Dies wird in der Konzeption der sequentiellen Traumatisierung aufgezeigt (vgl. Zimmermann 2016, S. 201). Trauma wird nicht als ein Ereignis erfasst, sondern als Prozess verstanden, „in dem die Beschreibung einer sich verändernden traumatischen Situation der Rahmen ist, der festlegt, wie wir Trauma verstehen“ (Becker 2006, S.18). Damit wird deutlich, dass die traumatisierenden Folgen im Zuge dieses Prozesses anhalten, weiter wirken und nicht mit Ankunft im Aufnahmeland beendet sind. Als Folge der erlebten Belastung zeigen sich oft Traumafolgereaktionen wie u. a. aggressives oder auch zurückgezogenes Verhalten, Konzentrationsstörungen, Probleme mit der Affektregulation und Flashbacks, die sich insbesondere in der Alltagsbewältigung und der Beziehungsgestaltung zeigen können. Diese Reaktionen sichern das Überleben in einer subjektiv wahrgenommenen Bedrohungssituation und sind damit zunächst als schützende Verhaltensweisen zu interpretieren.

Traumapädagogik als Teil der Traumaarbeit
Pädagogische Fachkräfte, die mit Geflüchteten arbeiten, sind mit den besonderen Bedürfnissen der stark belasteten Menschen und den emotionalen wie auch strukturellen Herausforderungen konfrontiert. Aufgrund dieser Ausgangslage ist es empfehlenswert, das pädagogische Handwerkszeug um traumapädagogisches Wissen und um ebensolche Methoden sowie um interkulturelle Kompetenzen und die Bereitschaft, sich in die subjektive Erlebniswelt der geflüchteten Menschen einzufühlen, zu erweitern. Kernstück der Traumapädagogik ist die Unterstützung von stark belasteten Menschen bei ihrer Traumabearbeitung in Form eines Prozesses der Selbstbemächtigung, welche die Menschen in ihrer „Selbstbestimmung, Autonomie und Lebensregie“ (Weiß 2009, S.157) unterstützt.
„Das beinhaltet:

  • die Veränderung von dysfunktionalen Einstellungen und Überzeugungen;
  • die Möglichkeit, das Geschehene in die eigene Lebensgeschichte einzuordnen;
  • die Chance, im Leben im ‚Jetzt‘ einen Sinn zu finden;
  • die Entwicklung von Körpergewahrsein und Körperfürsorge;
  • die Selbstregulation von traumatischen Erinnerungsebenen und von traumatischem Stress; Vertrauen in Beziehungen;
  • die Entwicklung einer respektierenden Haltung den eigenen Wunden / Schwierigkeiten / Beeinträchtigungen gegenüber, Chancen für soziale Teilhabe“ (Weiß 2013, S. 92).

Eine wesentliche Basis der Traumapädagogik ist damit eine Haltung, die das Wissen über die Folgen von (sequentieller) Traumatisierung und biografischen Belastungen berücksichtigt und ressourcen- und resilienzorientiert mit den Menschen arbeitet.

Die Etablierung eines möglichst sicheren Orts
Das Etablieren eines möglichst sicheren Orts ist notwendig, um Möglichkeiten zur Stabilisierung zu schaffen; hier sollen korrigierende Erfahrungen gemacht und Beziehungs- und Bindungsangebote erfahren sowie neue Fertigkeiten und Fähigkeiten entwickelt werden können (vgl. Tiefenthaler/Gahleiter 2016, S. 178). Weiterhin ist es wichtig, in diesem Setting auch mal passiv sein zu dürfen (Anerkennung von Disempowerment), um Überforderung entgegenzuwirken (vgl. Zimmermann 2016, S. 207). Das Etablieren von möglichst sicheren Orten ist insbesondere dann eine Herausforderung für Pädagog*innen und Institutionen, wenn alle Mitglieder einer Gruppe traumatische Erfahrungen haben. Es ist notwendig, Traumafolgen, die massiv auf die Gruppendynamik einwirken, immer wieder für alle Beteiligten besprechbar und verstehbar machen zu können, ohne Einzelne zu beschämen (vgl. Bausum 2013).
In Bezug auf den Kontext Flucht ist darauf hinzuweisen, dass die Schaffung eines möglichst sicheren Orts beinahe unmöglich erscheint, da sich die geflüchteten Menschen im Aufnahmeland in einem Prozess befinden, in dem neue belastende Erfahrungen hinzukommen, etwa durch ein zunehmend feindlich gesonnenes Klima in Deutschland oder immer restriktivere Asylpolitik, die positive Erfahrungen nur schwer zulässt. Selbstbemächtigung wird so behindert und die pädagogische Arbeit durch äußere Gewaltstrukturen bestimmt. Umso wichtiger ist es, eine reflektierte klare innere Haltung einzunehmen und konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen (vgl. Kühn/Bialek 2017).

Geflüchtete Menschen traumapädagogisch zu begleiten bedeutet, ressourcenorientiert zu unterstützen, traumasensibel und tabufrei zu begleiten und eine politische und wertschätzende Haltung einzunehmen, um damit einen Weg für ein möglichst gutes und würdevolles Leben ebnen zu können (vgl. Mlodoch 2017).
Dies kann verwirklicht werden durch einen möglichst geschützten Rahmen, der Raum lässt für persönliche Weiterentwicklung trotz traumatischer Belastungen. Hier bedarf es u. a.:

  • Interkultureller Kompetenz
  • Transparenz
  • Partizipation
  • Verlässlicher sozialer, sicherheitsgebender Beziehungs- und Bindungsangebote
  • Akzeptanz/Anerkennung der Überlebensleistung
  • Unterstützung in der Förderung von Resilienzfaktoren
  • Unterstützung in der Verbesserung der Selbst-, Fremd- und Körperwahrnehmung
  • Unterstützung in der Emotionsregulierung
  • Parteiischer Unterstützung im Asylverfahren
  • Traumasensibler Biografiearbeit
  • Unterstützung der Selbstorganisation als Mittel gegen die Ohnmacht, z. B. „Jugend ohne Grenzen“
  • Entwicklung einer gemeinsamen, einfachen Sprache in einer Situation, in der man durch fehlende Sprachkenntnisse fast sprachlos wird
  • Offenheit und Neugier
  • Wertschätzenden Umgangs
  • Kommunikation auf Augenhöhe
  • Schaffung der Möglichkeit, um das Verlorene trauern zu dürfen
  • Geduld

Wichtig für die Fachkräfte ist hierbei die Umorientierung - und damit die Erweiterung von bisher bekannten Konzepten - hin zu einer trauma- und kultursensiblen Arbeit, die die Gegenübertragung als Diagnoseinstrument nutzt. Gegenübertragung, also die Beeinflussungen, die sich innerhalb einer zwischenmenschlichen Interaktion bewegen, beinhaltet u. a. Körperreaktionen, Gefühle, Handlungsimpulse, Gedanken und Sinneswahrnehmungen. Sie löst oft unklare Gefühle, Handlungsdruck und/oder Ohnmacht aus. Sie ist schwer greifbar, aber eine darauf gründende Selbstreflexion kann Rückschlüsse über das Gegenüber eröffnen, die dessen Versorgung ermöglichen. Gerade in Konfliktsituationen ist die Gegenreaktion als Diagnoseinstrument eine Möglichkeit zum Verstehen und zur Sinnstiftung. Die Spiegelung des angespannten Einforderns des Menschen als Traumafolgereaktion und Ausdruck inneren Stresses kann eine Möglichkeit sein, bei der Entwicklung eines guten Lebens durch Selbstbemächtigung (vgl. Kessler 2016, S. 284ff) Unterstützung zu geben.

Schlussbetrachtung
In Bezug auf die Arbeit mit geflüchteten Menschen wird deutlich, dass Traumapädagogik für die pädagogische Arbeit notwendig ist und außerdem eine gesellschaftliche Dimension besitzt: Eine politische Positionierung im Sinne der Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird notwendig, um gesellschaftliche und sozialpolitische Bedingungen zu schaffen, in denen Grundlagen für ein gutes Leben geschaffen werden können - ohne Angst vor restriktiver Asylpolitik, Rassismus und Ausgrenzung.

Literatur

  • Bausum, J. (2013): Über die Bedeutung von Gruppe in der traumapädagogischen Arbeit in der stationären Jugendhilfe. In: Lang, B. / Schirmer, C. / Lang, T. / Bausum, J. / Weiß, W. / Schmid, M. (Hg.): Traumapädagogische Standards in der stationären Jugendhilfe / Eine Praxis- und Orientierungshilfe der BAG Traumapädagogik. Weinheim: Beltz, S. 175f
  • Becker, D. (2006): Die Erfindung des Traumas. Verflochtene Geschichten. Gießen: Psychosozial
  • Kessler, T (2016): Diese Wut, die mich immer wieder einholt. Methodisches zur Arbeit mit traumatischer Übertragung und Gegenreaktion. In: Weiß, W. / Kessler, T. / Gahleiter S. (2016): Handbuch Traumapädagogik. Weinheim: Beltz, S. 282-289
  • Kühn, M. / Bialek, J (2017): Fremd und kein Zuhause. Traumapädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Mlodoch, K. (2017): Gewalt, Flucht - Trauma? Grundlagen und Kontroversen der psychologischen Traumaforschung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Tiefenthaler, S. / Gahleiter, S. (2016): Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe In: Weiß, W. / Kessler, T. / Gahleiter S. (2016): Handbuch Traumapädagogik. Weinheim: Beltz, S. 176-183
  • Weiß, W. (2009): Selbstbemächtigung - ein Kernstück der Traumapädagogik. In: Bausum, J. / Besser, L. / Kühn, M. / Weiß W. (Hg.): Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis. Weinheim: Juventa, S. 157-170
  • Weiß, W. (2013): Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. 7., unveränderte Auflage. Weinheim: Juventa
  • Zimmermann, D. (2016): „Geprügelte Hunde reagieren so“. Zwangsmigration und Traumatisierung. In: Weiß, W. / Kessler, T. / Gahleiter S. (2016): Handbuch Traumapädagogik. Weinheim: Beltz, S. 200-209

Dr. Mirja Keller ist Referentin im Zentrum für Traumapädagogik, Hanau, und Fachleitung des Bereichs Geflüchtete Jugendliche bei der Welle gGmbH Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Maintal. http://ztp.welle.website/

Kontakt:
info(at)ztp.welle.website


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