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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteNetzgruppen – ein beziehungsbasiertes Psychoedukationsprogramm für junge Geflüchtete am Frankfurter Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung

Irina Dannert und Marianne Rauwald

Netzgruppen – ein beziehungsbasiertes Psychoedukationsprogramm für junge Geflüchtete am Frankfurter Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung

Schlagwort(e):Bildung, Geflüchtete, Gesundheitsversorgung, Lebenswelt, Psychotherapie, Traumatisierung

2016 haben 261.386 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland einen Asylantrag gestellt (BAMF, 2017). Der Verlust ihrer Heimat und damit auch ihres sozialen Bezugssystems geht mit großen Entbehrungen einher und sie sind häufig hoch motiviert, sich in Deutschland ein neues Leben in Sicherheit aufzubauen. Ein langwieriger Prozess, da das Leben im Exil für die Betroffenen eine Existenz in einem für sie fremden sozio-kulturellen Umfeld (Gurris & Wenk-Ansohn, 2009) bedeutet. Nicht selten müssen die damit verbundenen Herausforderungen vor dem Hintergrund traumatischer Erfahrungen bewältigt werden. Die Bewältigung traumatischer Erlebnisse ist eng „mit den Erfahrungen und Lebensbedingungen im Exil, den Möglichkeiten zur Entfaltung von Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung sowie psychosozialer Unterstützung“ (Brandmaier, 2013) verbunden. Eine langfristig gute Lebensqualität setzt unter anderem voraus, dass es den Betroffenen im Aufnahmeland gelingt, ihre gegebenenfalls traumatisch wirkenden Fluchterlebnisse in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren (Kemper & Espenhorst, 2013).

Von einem psychischen Trauma spricht man, wenn eine massive Bedrohungssituation die Bewältigungsmöglichkeiten des Individuums aktuell oder dauerhaft überfordert (Fischer & Riedesser, 2009). Vor allem Kinder und Jugendliche besitzen aufgrund ihres psychischen und physischen Entwicklungsstands noch nicht die Fähigkeiten, eine Bedrohungssituation angemessen zu bewältigen; ein traumatisches Erlebnis stellt einen gravierenden Einschnitt dar, der häufig vorhandene Strukturen und Einstellungen zerstört (Seidler & Feldmann, 2013). Aus aktuellen Untersuchungen geht hervor, dass ca. 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Vergangenheit in diesem Sinne eine traumatische Erfahrung gemacht haben, bei ca. 50 Prozent kann das Vollbild einer PTBS festgestellt werden. Die Kinder und Jugendlichen leiden oft stark und für längere Zeit unter psychosomatischen Reaktionen, Konzentrationsproblemen, Albträumen, (aggressiven) Erregungszuständen, depressiven Verstimmungen und Ängsten. Auch Intrusionen und Dissoziationen sind möglich und für die Betroffenen sehr erschreckend. Gavrandidou und Kollegen (2008) verweisen dabei auf die besonderen Belastungen, die Kinder im Exil erleiden. Nicht bearbeitete traumatische Erfahrungen können auch verzögert psychische Störungen nach sich ziehen, gerade bei Betroffenen, die oberflächlich betrachtet zu „funktionieren“ scheinen. Oft zeigen sich die Traumafolgestörungen erst im Erwachsenenalter. In Bezug auf die Beziehungsgestaltungen gefährden unverarbeitete Traumata die gesunde Entwicklung der nachfolgenden Generation, wenn sich „unverdaute“ Erfahrungen in einer hoch belasteten Beziehung zu den eigenen Kindern widerspiegeln (Rauwald, 2013).

Unter der Annahme, dass eine Traumatisierung im Kindes- bzw. Jugendalter Einfluss auf die gesamte Entwicklung der Persönlichkeit nehmen kann, kristallisiert sich die Notwendigkeit einer psychosozialen Erstversorgung der Betroffenen, ihrer Eltern und auch der begleitenden Fachkräfte heraus, in der von Beginn an traumatische Erfahrungen fokussiert werden und ein schutzvoller Rahmen zur Thematisierung der nicht einzuordnenden Zustände geboten wird.

In diesem Kontext entstand bereits im Jahr 2014 am Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung die Idee der Netzgruppen: der beziehungsbasierten ressourcenorientierten Psychoedukationsgruppen.

Psychoedukation kann im engeren Sinn als Aufklärung über Auffälligkeiten, Symptome und Störungen sowie als ein Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe definiert werden. Im spezifischen Angebot liegt der Fokus auf der Vermittlung von Wissen über das Auftreten traumatischer Ereignisse und daraus resultierender Traumafolgestörungen. Als eine erste Qualifikation kann also das Verständnis über das Krankheitsbild als normaler, menschlicher Mechanismus angesehen werden, unter der Prämisse, dass verschiedene Personen traumatische Ereignisse unterschiedlich verarbeiten, unterschiedliche Symptome haben und unterschiedlich stark eingeschränkt sind. Parallel kommt es zu einer Stärkung der Autonomie der Betroffenen und zur Förderung der persönlichen Ressourcen, da sie erfahren, wie sie im Alltag mit erlebten Symptomen umgehen können.

Neben dem Fokus der Wissensvermittlung liegt ein weiterer Fokus auf der Beziehungsarbeit. Die Gruppen sollen den betroffenen Kindern und Jugendlichen einen sicheren Raum zur Verfügung stellen, in dem traumarelevante Gesichtspunkte Berücksichtigung finden und die Betroffenen wieder in guten Kontakt zu sich und anderen treten. Als zweite Qualifikation steht somit neben der psychoedukativen Arbeit das Schaffen einer positiven Gruppenatmosphäre, die es den Kindern und Jugendlichen ermöglicht, das Vertrauen in sich selbst und andere Menschen zurückzugewinnen.

Mit dem Gruppenkonzept gelingt es, unter Betonung der Beziehungsebene, die Selbstwirksamkeit der Betroffenen im Umgang mit ihrer aktuellen psychischen Situation zu fördern. Die Gruppe vermittelt durch Strukturierung Sicherheit und ermöglicht den Teilnehmenden den Austausch über ihr Befinden, was sehr entlastend wirkt. Das entwickelte Gruppenprogramm umfasst zehn Sitzungen à 90 Minuten, die in wöchentlichem Abstand mit bis zu 15 Teilnehmer_innen von zwei kontinuierlich anwesenden Leiter_innen durchgeführt und im optimalen Fall von ein bis zwei Betreuungspersonen der Teilnehmenden begleitet werden, bei Bedarf zusätzlich einem_r Sprachmittler_in. Die Gruppen können sich sowohl aus Personen verschiedener Herkunftsländer und verschiedenen Geschlechts als auch geschlechts- und herkunftsspezifisch zusammensetzen, lediglich die Altersunterschiede sollten nicht zu groß sein. In Bezug auf die Dynamik in der Gruppe gilt das Primat der Beziehung und die Fokussierung auf die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen der jeweiligen Gruppenkonstellation.

Einen festen Rahmen gibt hierbei die Struktur, die den Teilnehmer_innen Sicherheit und Kontrolle vermittelt. Das Wissen, dass das Gruppenangebot für zehn Wochen einmal wöchentlich stattfindet, ermöglicht eine Auseinandersetzung mit einem Beziehungsangebot, das sich für die Teilnehmer_innen kontrollierbar anfühlt, da der Abschied aus der Gruppe vorbereitet werden kann. Der Rahmen sollte für die Teilnehmer_innen dementsprechend möglichst transparent gestaltet sein. Die Gruppen sind als geschlossene Gruppen konzipiert, sodass erwünscht wird, dass alle Gruppenmitglieder bei jeder der zehn Sitzungen anwesend sind. Die Durchführung der Gruppenarbeit wird sehr flexibel auf die jeweiligen Bedürfnisse der Teilnehmer_innen zugeschnitten.

Die vier Phasen der Gruppenintervention
In der ersten Phase geht es um ein Kennenlernen, eine Vermittlung des Rahmens und die Herstellung eines gemeinsamen, vertrauensvollen Arbeitsbündnisses. Es werden Rituale entwickelt, die das Zugehörigkeitsgefühl stärken und den gesamten Gruppenprozess begleiten. In der zweiten Phase wird ein grundsätzliches Verständnis für Trauma und Traumafolgen mit der Grundhaltung Traumafolgen als eine normale Reaktion auf anormale Ereignisse vermittelt. In der dritten Phase werden die Symptome und Schwierigkeiten im Alltag thematisiert. Bei den thematisierten Symptomen handelt es sich häufig um wiederkehrende Erinnerungen, Wut und Aggressivität, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafprobleme, Emotionen. Da sich die besprochenen Symptome nach den benannten Schwierigkeiten und Belastungen der Teilnehmer_innen richten, können die Themen variieren. Zu den verschiedenen Symptomen werden gemeinsam Hilfen erarbeitet, die den Teilnehmer_innen eine Kontrolle über ihre Symptomatik zurückgeben. Die vierte Phase fokussiert das Thema Abschied und damit verbundene Emotionen. Insbesondere die Angst vor Verlusten sollte in dieser Phase thematisiert werden.

Durch die Teilnahme von Betreuungspersonen werden diese ebenfalls in Bezug auf Traumafolgen und daraus resultierende Beziehungsdynamiken sensibilisiert. Hieraus können sich nachhaltige Veränderungen im Beziehungserleben zwischen den Betroffenen und ihren Bezugspersonen ergeben, was zu einer nachhaltigen Stabilisierung beiträgt. Bei begleiteten Kindern und Jugendlichen hat es sich bewährt, für die Eltern parallel eine Gruppe anzubieten. Hier können auch die besonderen Aspekte einer transgenerationalen Weitergabe thematisiert werden. Dies trägt zur Entlastung der Eltern und ihrer Beziehung zu den Kindern bei, da sie sich austauschen können und besser verstehen unter welchen Belastungen sie und ihre Kinder leiden und warum ihre Kinder nicht mehr „richtig funktionieren“.

Psychoedukation stellt dabei keinen Ersatz von psychotherapeutischen Maßnahmen dar und weist ganz klar Grenzen auf (Liedl, Schäfer, & Knaevelsrud, 2013). Angesichts der aktuellen Versorgungssituation stellt sie jedoch eine gute Möglichkeit dar, eine flächendeckende Erstversorgung im „subtherapeutischen“ Maßnahmenbereich herzustellen, die eine Entlastung der Betroffenen und des Helfersystems bewirkt. Es muss jedoch sichergestellt werden, dass besonders stark beeinträchtigte Kinder und Jugendliche zur Krisenintervention das Angebot zu psychotherapeutischen Sitzungen erhalten.

Literaturangaben:

  • BAMF. (2017). Das Bundesamt in Zahlen 2016: Zugriff am 10.05.2018 https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/bundesamt-in-zahlen-2016.pdf?__blob=publicationFile
  • Brandmaier, M. (2013). Traumatisierte Flüchtlinge im Exil. In R. E. Feldmann, & G. H. Seidler, Traum(a) Migration - Aktuelle Konzepte zur Therapie traumatisierter Flüchtlinge und Folteropfer (S. 15-34). Gießen: Psychosozial Verlag.
  • Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Fluchtlinge e.V. (2014). Fachpolitische Stellungnahme des Bundesfachverbands Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V. zur geplanten Umverteilung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Berlin: Autor
  • Fischer, G., & Riedesser, P. (2009). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München: Reinhardt UTB.
  • Gavranidou, M., Niemiec, B., Magg, B., & Rosner, R. (2008). Traumatische Erfahrungen, aktuelle Lebensbedingungen im Exil und psychische Belastung junger Flüchtlinge. Kindheit und Entwicklung, 17(4), S. 224-231.
  • Gurris, N. F., & Wenk-Ansohn, M. (2009). Folteropfer und Opfer politischer Gewalt. In A. Maercker Hrsg.), Posttraumatische Belastungsstörungen 3. Auflage (S. 477-499). Berlin Heidelberg: Springer.
  • Kemper, T., & Espenhorst, N. (2013). Gekommen, um zu bleiben? Berlin: Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V.
  • Liedl, A., Schäfer, U., & Knaevelsrud, C. (2013). Psychoedukation bei posttraumatischen Störungen. Stuttgart: Schattauer.
  • Mühlig, S., & Jacobi, F. (2011). Psychoedukation. In H.-U. Wittchen, & J. Hoyer (Hrsg.), Klinische Psychologie und Psychotherapie (S. 477-490). Berlin: Springer-Lehrbuch.
  • Rauwald, M. (2013). Flüchtlinge und ihre Kinder - Der Einfluss von Migration und Trauma auf die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. In M. Rauwald (Hrsg.) , Vererbte Wunden. Transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen (S. 99-108). Weinheim: Beltz.
  • Seidler, G. H., & Feldmann, R. E. (2013). Traum(a) Migration - Aktuelle Konzepte zur Therapie traumatisierter Flüchtlinge und Folteropfer. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Irina Dannert ist M. Sc. Psychologie, Fachkraft Traumapädagogik und Mitarbeiterin am Frankfurter Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung, dort in der Weiterbildung zum Schwerpunkt: Stabilisierung, Psychoedukation, Umgang mit traumatisierten Geflüchteten und Leitung von Psychoedukativen Gruppen tätig; Dr. phil. Marianne Rauwald ist Dipl.-Psychologin und Psychoanalytikerin, sie leitet das Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung, ihre Tätigkeiten sind: analytische und psychodynamische Therapien insbesondere mit traumatisierten Klienten/Klientinnen. Gutachtentätigkeiten, Supervision, Krisenmanagement bei internationalen Projekten sowie Seminartätigkeiten mit Schwerpunkt auf Flucht, Migration und Trauma.

Kontakt:
orga(at)institut-fuer-traumabearbeitung.de


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