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Doris Rothe

Pflege in Hessen integriert!

Integrierte Bildungsmaßnahme zur Berufsvorbereitung in Teilzeitform und Ausbildung zur Altenpflegehelferin / zum Altenpflegehelfer

Schlagwort(e):Arbeit, Geflüchtete, Pädagogik, Pflege, Sprachmittlung

Das hessische Ministerium für Soziales und Integration und das Hessische Kultusministerium führen seit dem Schuljahr 2018/19 gemeinsam einen Modellversuch durch, der das Ziel hat, zukünftiges Pflegepersonal auszubilden und sowohl Flüchtlingen als auch jungen Migrantinnen und Migranten Chancen auf dem Ausbildungsmarkt zu eröffnen. Um die Altenpflegehelferausbildung antreten zu können, muss ein Hauptschulabschluss vorgewiesen werden. Vielen der jungen Migrantinnen und Migranten fehlt dieser aber, weil sie erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen sind und daher nicht über ausreichende deutsche Sprachkenntnisse verfügen. Oftmals fehlen auch mehrere Jahre Schulbildung.

Daher wurde die Altenpflegehelferausbildung mit den Bildungsgängen zur Berufsvorbereitung in Teilzeit verzahnt. Die Auszubildenden werden zwei Jahre von der Altenpflegeschule und der Beruflichen Schule beschult. Im Mai des zweiten Jahres nehmen die Lernenden an der Hauptschulabschlussprüfung teil und im Anschluss findet die Altenpflegehelferprüfung statt. Die praktische Ausbildung in Betrieben wird auf zwei Jahre ausgeweitet.

Voraussetzung und Herausforderungen
Um an diesem Projekt teilzunehmen, müssen sich eine Altenpflegeschule und eine Berufliche Schule finden, die diese Ausbildung anbieten möchten. Die Herwig-Blankertz-Schule arbeitet mit der Altenpflegeschule in Hofgeismar zusammen, mit der schon über mehrere Jahre eine Kooperation besteht. Der berufspraktische Teil findet in den Ausbildungsbetrieben statt. Es müssen daher dem Projekt gegenüber aufgeschlossene Betriebe gefunden werden, die bereit sind, diese zeit- und personalintensive Ausbildungsbetreuung trotz der Personalknappheit zu übernehmen. Auch erfolgt die Vergütung über die Betriebe. Die Altenpflegeschule hat ein Netzwerk von Ausbildungsbetrieben, mit denen sie zusammenarbeitet. Einige Betriebe im ländlichen Raum konnten keinen Ausbildungsplatz besetzen, da sie von den Schülern und Schülerinnen - die kein Auto besitzen und daher auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind - nicht rechtzeitig erreicht werden können.

An der Herwig-Blankertz-Schule besuchten im letzten Schuljahr ca. 150 Schülerinnen und Schüler die InteA-Klassen - „Integration durch Anschluss und Abschluss“. Diese Klassen werden nur von Geflüchteten zwischen 16 und 22 Jahren besucht. Ziel ist es, Deutsch zu lernen und eventuell den Hauptschulabschluss zu erlangen. Die Lernenden müssen für eine Ausbildung ausreichende deutsche Sprachkenntnisse besitzen, wünschenswert wäre nach dem GER Niveau B1 (GER = Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen). Schwierigkeiten bei der Aufenthaltserlaubnis und Ausbildungserlaubnis für diese Ausbildung gab es keine.

Da unsere Lernenden allein in Deutschland sind und auch meistens keine Betreuer haben, ist eine sozialpädagogische Betreuung notwendig. Besonders bei der Bewerbung (u. a. Kontaktaufnahme mit den Betrieben, Vorbereitung der Bewerbungsgespräche, Ausfüllen des Personalbogens) und vor allem in den ersten Wochen, in denen viele Fragen entstehen und diverse Ämtergänge (Aufenthaltsbescheinigung, Anträge auf Zuschüsse, Gespräche mit dem Anwalt) notwendig sind, ist eine individuelle Betreuung unumgänglich. Erst wenn Alltagsprobleme bewältigt worden sind, können die Auszubildenden konzentriert arbeiten.

Auszubildende gewinnen
In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Familie und zivilrechtliche Aufgaben wird jeweils im Herbst ein Pflegetag organisiert, an dem unter anderem InteA-Klassen teilnehmen. Ein Vertreter des Amts informiert zu Beginn über den Beruf „Altenpflegehelfer“, im Anschluss bieten Altenpflegeschulen und einige Betriebe diverse Mitmachaktionen an. Das Ziel ist, Interesse für den Altenpflegeberuf bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken und zu zeigen, welche verschiedenen Tätigkeiten täglich zu verrichten sind. Dieser Tag ist für sie besonders wichtig, da sie hier mit Auszubildenden aus Pflegeberufen ins Gespräch kommen und erleben können, welche Aufgaben Helferinnen und Helfer zu erledigen haben.

Des Weiteren wird direkt in den InteA-Klassen für den Beruf geworben. Wichtig ist hier die Unterstützung und Beratung durch die Klassenlehrer und den betreuenden Sozialpädagogen, etwa mit dem Ziel, junge Männer für diesen Beruf zu gewinnen. Werbung in der Zeitung und an verschiedenen Institutionen ist notwendig, um auch junge Ausbildungssuchende außerhalb der Schule anzusprechen.

Interessierte Schülerinnen und Schüler müssen im Vorfeld ein Praktikum in einem Altenheim absolvieren, damit sie sich bewusst für diesen Ausbildungsberuf entscheiden können. Von den Bewerbern, die wir an der Herwig-Blankertz-Schule hatten, ist schließlich noch ein Drittel übriggeblieben: Einige entschieden sich direkt nach dem Praktikum für eine andere Ausbildung, andere traten erst während der Probezeit zurück. Diese Fluktuation macht eine frühzeitige Planung sehr schwierig.

Unterrichtsorganisation
In beiden Schulen werden die Ausbildungsinhalte für die Prüfung im Pflegebereich vermittelt. Zudem haben die Lernenden noch den regulären allgemeinbildenden Unterricht. In den Fächern Religion und Sport werden Inhalte ausgewählt, die in direktem Bezug zur Ausbildung stehen. In Deutsch und Mathematik werden die Lernenden auf den Hauptschulabschluss vorbereitet. Im Fach Deutsch wird eng mit den Lehrkräften im berufsbezogenen Unterricht zusammengearbeitet.

Besondere Aspekte des Unterrichts
Zu Beginn des Schuljahrs war der Unterricht in der Schulform „Pflege integriert“ stark geprägt von organisatorischen Fragen. Sicher ist das in jeder neuen Schulform wichtig, in diesem Fall aber ist die Lage dennoch komplizierter. Viele Anträge müssen noch gestellt und bewilligt werden, dabei sind immer wieder Sprachbarrieren zu überwinden. Lehrende und Lernende bekommen Unterstützung von einer sozialpädagogischen Kraft. Die Frage etwa, wie kann ich mit einem geringen Ausbildungsgehalt ohne jegliche Zuschüsse bei hohen Mietpreisen mein Leben finanzieren, ist von hoher Bedeutung. Auch die Abrechnungen über die Arbeitszeiten in den Betrieben müssen verstanden und nachvollzogen werden.

Nach einer gewissen Zeit jedoch spielt sich der Schulalltag mit seinen Unterrichtsansprüchen der verschiedenen Fächer ein. Hier steht nun die inhaltliche Vermittlung von Fachkenntnissen und Allgemeinwissen in Kombination mit der Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse im Vordergrund. Dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe, da das vorhandene Sprachniveau der Lernenden sehr heterogen ist. Eine Variante, mit dieser Problematik umzugehen, ist die Aufteilung von Fachunterricht und Deutschunterricht, der in zwei Stunden wöchentlich abwechselnd in Kleingruppen differenziert durchgeführt wird.

Auch im Fachunterricht geht es häufig um das Verständnis von Worten und Texten. Dabei ist es sehr hilfreich, wenn die Lehrkraft eine Fortbildung zur Sprachförderkraft durchlaufen hat: Denn dort erwirbt sie anwendungsbezogene Strategien zur Sprachsensibilität und -förderung. So kann der sprachliche Bezug im Fachunterricht methodisch und strukturiert durchgeführt werden. Zusätzlich zu den neuen deutschen Worten müssen auch viele neue Fachwörter gelernt werden. Ohne Nacharbeit in der Freizeit sind gute Leistungen daher schwer zu erbringen und die Zeit ist knapp bei mindestens zwei Wochenenddiensten im Monat. Die Ausbildung stellt somit hohe Ansprüche an die Lernenden, erfordert jedoch genauso eine intensive Vorbereitung und besonderes Einfühlungsvermögen von den Lehrenden.

Im Endeffekt birgt diese Ausbildung für Absolventinnen und Absolventen jedoch eine sehr gute Chance, nach ihrem Abschluss einen Arbeitsplatz zu bekommen und darüber hinaus eine Lücke im deutschen Arbeitsmarkt füllen zu können - wenn die Aufenthaltserlaubnis dann auch gewährt wird. Dies sollte nach dem hohen Engagement, das von Lehrenden und Lernenden erbracht wird, auf jeden Fall ein erklärtes Ziel der Politik sein: auch hinsichtlich des Nutzens für die Gesellschaft durch die neuen Fachkräfte in einer Branche, der qualifizierte Arbeitskräfte fehlen.

Doris Rothe ist Abteilungsleiterin an der Herwig-Blankertz-Schule: www.herwig-blankertz-schule.de

Kontakt:
d.rothe(at)herwig-blankertz-schule.de


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