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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteSexualaufklärung und Familienplanung für geflüchtete Frauen und Mädchen: flexibel, mobil, bedarfsgerecht

Bärbel Ribbert, Andrea Winkler

Sexualaufklärung und Familienplanung für geflüchtete Frauen und Mädchen: flexibel, mobil, bedarfsgerecht

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Welcome to Hamburg!

Mit den Flüchtlingsbewegungen im Jahr 2015 stieg auch die Zahl der Geflüchteten in Hamburg deutlich an. Im Familienplanungszentrum Hamburg (FPZ) war sehr schnell klar: Geflüchtete Frauen und Mädchen sollten mit ihren Wünschen und Bedarfen im FPZ genauso ihren Platz finden wie andere Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte, wie alle anderen Hamburgerinnen und Hamburger auch.

Als korporatives Mitglied der AWO betreibt das FPZ eine Beratungsstelle, die im Rahmen des Schwangerschaftskonfliktgesetzes Information und Beratung zu Fragen der Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung rund um Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch anbietet. Ergänzend zum Regelsystem werden auch niederschwellig gynäkologische Leistungen für Nichtkrankenversicherte und Menschen, die als schwer erreichbar gelten, bereitgestellt. Die Hälfte der jährlich rund 7.000 Ratsuchenden im FPZ stammt aus 90 Herkunftsländern. Im FPZ steht Frauen und Männern ein erfahrenes, interdisziplinäres Team aus Frauenärztinnen, Psychologinnen, Sexual- und Sozialpädagoginnen zur Verfügung.

Vernetzung, das A und O

Im Verbund der mit dem FPZ vernetzten Mädchen- und Fraueneinrichtungen entwickelte sich die Idee eines „Empower-Vans“. Dieser Beratungsbus wurde als Kooperationsprojekt mit der Mädchenoase der Dollen Deerns e.V., dem Frauenzentrum FLAKS e.V., dem Mädchentreff Schanzenviertel e.V. und dem FPZ geplant und zügig umgesetzt.

Bereits ab Mitte 2016 fuhr ein über Projektmittel finanzierter Kleinbus wöchentlich Erstaufnahme- und Folgeunterkünfte in Hamburg an. Geflüchtete Frauen und Mädchen wurden mit einem niederschwelligen, aufsuchenden Angebot willkommen geheißen. Eine Projektkoordinatorin und Honorarkräfte bildeten das Bus-Team. Im Gepäck des Busses: ein Bündel an frauenspezifischen Informations- und Beratungsangeboten zu Bildung, Schutz vor Gewalt, Freizeit und Gesundheit. Auf Wunsch wurden Brücken in das bestehende Regelsystem gebildet. Zugleich ermittelte die Bus-Crew (zusätzliche) Bedarfe der Frauen und Mädchen. Sprachmittlerinnen begleiteten die Sozialpädagoginnen und ermöglichten die Verständigung in Arabisch, Farsi und Tigrinja.

Reproduktive Rechte und Möglichkeiten - Empowerment durch Information

Das Projekt des FPZ als Teil des beschriebenen Gesamtprojekts fokussiert reproduktive Rechte und Familienplanung. Dank der Unterstützungsangebote des Bundesverbands der AWO erhält das FPZ seit Mitte 2016 Zuwendungen der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration für Projekte zum Empowerment von Flüchtlingsfrauen (https://www.integrationsbeauftragte.de/Webs/IB/DE/Themen/ProjekteUndForschung/Projekte/projekt-empowerment.html). Nur so war und ist es möglich, zehn Wochenstunden für eine Beraterin aufzustocken und an der weiteren Konzeptentwicklung und Umsetzung des Projekts mitzuwirken. Die Beraterin begleitete den Bus alle ein bis zwei Wochen und informierte über reproduktive Rechte in Hamburg, z. B. zu Ansprüchen der Schwangerenvorsorge, zur rechtlichen Lage zum Schwangerschaftsabbruch, zum Zugang zu Körperaufklärung und Empfängnisverhütung. Bisher ließen sich rund 250 Frauen und Mädchen vor Ort ausführlich zu Fragen der Familienplanung informieren oder beraten. Auf Wunsch wurden sie erfolgreich zur fachärztlichen Beratung und in die Regelversorgung vermittelt. Die Sprachmittlerinnen begleiteten sie teilweise zu niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten oder ins FPZ. Ein dort entwickelter Flyer in Arabisch, Farsi und Englisch gibt Frauen eine erste Orientierung zu ihren reproduktiven Rechten und lädt sie ein, bei Fragen ins FPZ zu kommen.

Empowerment - bedarfsgerecht?!?

Im Laufe der Projektzeit erreichte der Bus 2.658 Frauen und Mädchen. Aus dem Empower-Van heraus gelang es, zusätzlich Räume in den Einrichtungen zu organisieren, um in geschütztem Rahmen Einzel- und Gruppengespräche anzubieten. Frauen und Mädchen leiden unter den beengten und zum Teil unhygienischen Wohnverhältnissen in den Containerdörfern und ehemaligen Baumärkten, die - zunächst nur als Übergangslösung gedacht - für viele Geflüchtete zu monate- oder jahrelangen Aufenthaltsorten werden. Bezogen auf ihren (noch) nicht geklärten Aufenthaltsstatus quält viele von ihnen Unsicherheit. Mit diesen Unsicherheiten zu leben und die damit verbundenen Gefühle auszuhalten, ist für die Geflüchteten und das Bus-Team gleichermaßen eine große Herausforderung.

Geflüchtete erreichen die Großstadt mit individuellen, oft belastenden Fluchtgeschichten, sind im Heimatland oder auf ihrem Weg nicht selten mit dem Tod konfrontiert worden. Viele haben Angehörige verloren oder zurückgelassen. Viele sind traumatisiert. In der Regel sind sie ohne Kenntnis der deutschen Sprache und ohne Kenntnis des hiesigen Systems. Integration wird vorrangig durch Sprachkurse, schulische und berufliche Maßnahmen angestrebt. Schaut man auf die Bedarfe der Frauen und Mädchen, ist deren Inklusion zugleich auch unmittelbar mit Fragen der Familienplanung verbunden. Das zeigt das Projekt.

Praxisbeispiele

Aus den Aufzeichnungen der Beraterin: „Hier in der EAE haben wir schon einmal ein Treffen zu den Themen Frauengesundheit und Empfängnisverhütung durchgeführt. Dabei wurde ein Erfahrungsaustausch zu den verschiedenen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch in Syrien, Afghanistan, Iran, Irak und Deutschland angeregt. Fünfzehn Frauen haben sich dafür eingesetzt, einen Raum für sich nutzen zu können und jetzt steht er ihnen an zwei Tagen in der Woche zur Verfügung! Dieser Raum ist heute voller Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft. In der Mitte steht der von mir mitgebrachte Verhütungskorb mit allen Verhütungsmitteln und anschaulichen Körpermodellen aus Stoff zur Ansicht und zum Anfassen. In der großen Runde sprechen wir mit Sprachmittlung in Arabisch, Farsi und Englisch über die Spirale und viele Frauen lassen uns an ihren persönlichen Erfahrungen mit Verhütungsmitteln (…) teilhaben.

Und dann finde ich mich in einer kleinen Runde wieder, mit einer Sprachmittlerin, in der wir über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und sexuelle Praktiken reden und alles am Modell veranschaulichen. Ich bin sehr beeindruckt über das Vertrauen und die Offenheit der beteiligten Frauen und sehr berührt.“

In einer Sprechstunde besucht ein syrisches Paar das FPZ zu einem Gespräch im Schwangerschaftskonflikt. Eine Sprachmittlerin sitzt neben den Ratsuchenden und übersetzt möglichst wortgetreu. Dies entspricht den Standards im FPZ. Es stellt sich heraus, dass das Paar zwei kleine Kinder hat. Zu viert bewohnen sie seit knapp zwei Jahren einen Raum von acht Quadratmetern in einer EAE. Eigentlich möchten sie die Schwangerschaft austragen. Die Frau weint, als sie sagt, dass sie keinerlei Privatsphäre oder Rückzugsmöglichkeit hat. Sie fragt, ob die Beraterin eine Wohnung vermitteln kann. Eine weitere Schwangerschaft auszutragen kommt in den momentanen Wohnverhältnissen für sie nicht in Frage. Das Paar entscheidet sich schweren Herzens für einen Schwangerschaftsabbruch und informiert sich über die nächsten Schritte.

Frauen mit Fluchtgeschichte sind eine heterogene Gruppe: Sie unterscheiden sich z. B. in Bezug auf ihr Wissen über Körpervorgänge und Fragen der Familienplanung. Viele Frauen aus Syrien kennen aus ihren Heimatländern Verhütungsmittel wie die Spirale. Für andere ist alles neu. Viele Frauen haben sexuelle Gewalt erfahren. Manche auf der Flucht, andere in ihren Herkunftsländern. Manche sind Analphabetinnen, andere haben abgeschlossene Berufsausbildungen, dies ist methodisch zu berücksichtigen. Viele Fragen zu Sexualität und Familienplanung unterscheiden sich dennoch nicht von denen anderer Frauen- und Mädchengruppen im FPZ. Manche Fragen (z. B. zu genitaler Verstümmelung) sind spezifisch für bestimmte Herkunftsregionen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im FPZ und der kultursensible Erfahrungsschatz der Fachärztinnen und Sexualpädagoginnen mit diesen Themen ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, in respektvoller Haltung der Vielzahl der individuellen Bedarfe der Frauen und Mädchen gerecht zu werden.

Empowerment ohne Bus!?!

Ende 2017 erfuhren wir, dass eine Weiterfinanzierung in 2018 von Seiten der Hamburger Landesbehörde für einen Teil des Gesamtprojekts nicht mehr gewährleitet sei. Ein Grund: Die Anzahl der Geflüchteten ist rückläufig. Unterkünfte werden reduziert. Dass ein Drittel der noch immer zahlreichen Geflüchteten inzwischen weiblich ist, konnte die Entscheidungsträger als Argument für eine Fortsetzung des Projekts für ein Jahr nicht überzeugen: Mitarbeitende in den Unterkünften seien geschult worden und damit wesentliche Teile des Informations- und Beratungsspektrums integriert und fest finanziert.

Infolgedessen musste bis Ende März 2018 ein Teil des Projekts abgewickelt und der Bus verkauft werden. Das aus unserer Sicht erfolgreiche Projekt hatte quasi über Nacht ausgedient. Wie gewonnen, so zerronnen. Politischer Wille.

Kooperation und Inklusion: Angebote mit Frauen mit und ohne Fluchtgeschichte

Mit angepasstem Konzept führen wir den Projektteil des FPZ mit den verbleibenden Projektmitteln zunächst bis Ende 2018 fort, denn wir wollen unsere Erfahrungen im Interesse der Frauen und Mädchen mit Fluchtgeschichte bündeln und weitergeben. Aktuell stellen wir einen Antrag auf Weiterfinanzierung des Projekts in 2019, unterstützt durch den Bundesverband der AWO. Ob es im nächsten Jahr weitergehen wird, ist unklar.

Mit dem Ziel der Inklusion der geflüchteten Frauen und Mädchen werden beschriebene Angebote in den Unterkünften um Gruppenangebote in Kooperation mit regionalen Eltern-Kind-Einrichtungen und Stadtteilzentren erweitert. Hier kommen deutsche Frauen, Frauen mit Migrationshintergrund und Frauen mit Fluchtgeschichte zum Beispiel zum „Verhütungsfrühstück“ zusammen. Es gibt eine Kinderbetreuung, die es Frauen ermöglicht, nur unter sich zu sein. Der Erfahrungsaustausch und das Miteinander und voneinander Lernen auf Augenhöhe sind wichtige Bestandteile unseres Verständnisses von Empowerment.

Das FPZ bemüht sich über die Projektlaufzeit hinaus um die weitere Finanzierung integrierender Maßnahmen für Geflüchtete, die den Zugang zu Beratung und medizinischer Versorgung ebnen. Nur so können Geflüchtete ihr Recht auf Information und Beratung im Rahmen des Schwangerschaftskonfliktgesetzes in Anspruch nehmen.  

Bärbel Ribbert ist Diplom-Pädagogin, Beraterin und Geschäftsführerin. Andrea Winkler ist Diplom- Sozialpädagogin und Beraterin. Beide arbeiten im Familienplanungszentrum Hamburg e.V.

Kontakt: www.familienplanungszentrum.de

Literatur

  • Charité Universitätsmedizin Berlin (Hrsg.) (2017): Study on Female Refugees, Repräsentative Untersuchung von geflüchteten Frauen in unterschiedlichen Bundesländern in Deutschland. Berlin

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