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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteSprache lernen, wo sie gebraucht wird

Meta Cehak-Behrmann

Sprache lernen, wo sie gebraucht wird

Das Projekt „Arbeits- und ausbildungsintegrierte Sprachförderung in Hessen“ (AiS Hessen)

Schlagwort(e):Arbeit, Pflege, Sprachmittlung

Ausgangslage
Angesichts des dringlichen Fachkräftebedarfs in vielen Branchen wird die derzeitige Zuwanderung auch als Chance für eine Regeneration des Arbeitsmarkts begriffen. Nicht selten stehen jedoch der Integration von Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund in den Arbeitsmarkt sprachliche Hürden entgegen, begleitet von einer großen Unsicherheit, wie das Thema „Sprache und Verständigung“ zu bewältigen sei.

Die aktuelle Diskussion zeigt, dass sich weder Ausbildungs- noch berufliche Fachlehrkräfte darauf vorbereitet fühlen, mit der Vielzahl sprachlicher Hemmnisse adäquat umzugehen. Ausbildende und Lehrkräfte machen nahezu täglich die erschöpfende Erfahrung, dass ihre gewohnte Sprache als Transportmittel von fachlichen Informationen nicht (mehr) funktioniert; auf der anderen Seite sind z. T. hoch motivierte Lernende gezwungen, ihre berufliche Existenz in einer Arbeits- und Lernwelt zu sichern, die sie sprachlich (noch) nicht bewältigen können. Deutschkurse im Vorfeld oder auch begleitend bringen häufig nicht den gewünschten Effekt, da der Transfer in die Praxis nicht geleistet werden kann.

Tatsächlich reichen allgemeinsprachliche Kenntnisse für eine qualifizierte Tätigkeit in der Regel nicht aus. Die sprachlich-kommunikativen Anforderungen in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft sind komplex; Ausbildung und Berufsabschluss erfordern bildungssprachliche sowie fachsprachliche Kompetenzen, die als Teil der beruflichen Fachspezifik kaum in allgemeinsprachlichen und notwendig generalisierten berufsbezogenen Deutschkursen erworben werden können. Dazu kommt, dass Menschen mit anderen Bildungssozialisationen mit den üblichen Lernformen im Schul- bzw. Kurssystem häufig nicht zurechtkommen. Es erfordert ein Lernen „auf Vorrat“ ohne unmittelbaren situativen Bezug. So bleibt das Sprachlernen auf eine Kursteilnahme reduziert; es wird i. d. R. mit Eintritt in eine Ausbildung oder Qualifizierung respektive Maßnahme nicht weiter unterstützt. In der Folge sinkt der bereits erreichte Sprachstand häufig wieder hinter das für einen erfolgreichen Abschluss erforderliche Kompetenzniveau zurück.

Modellprojekte zeigen, dass diesem Effekt entgegengewirkt werden kann, wenn der Spracherwerb im Verbund mit der fachlichen Qualifizierung weiter begleitet wird - integriert in Ausbildung und Arbeit (Maurus 2015). Arbeitsplatz und Fachunterricht werden dabei als ideale Sprachlernorte betrachtet, in denen das gesamte Spektrum beruflicher Sprachhandlungen in realiter zur Verfügung steht; der Spracherwerb wird somit direkt aus der beruflichen (Lern-)Situation heraus motiviert. Damit er nicht zufällig bleibt, stagniert oder durch Über- oder Unterforderung gar blockiert wird, muss der Vorgang des integrierten Sprachlernens zielführend gestaltet und begleitet werden. Dieses Verfahren des sogenannten berufsintegrierten Sprachlernens steht im Zentrum des dreijährigen ESF-geförderten Projekts (ESF = Europäischer Sozialfonds) „AiS Hessen“, das Ende 2016 vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) initiiert wurde und von der Frankfurter Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen (FaberiS) umgesetzt wird.

Das Projekt „AiS Hessen“
„Wie gestalte ich Ausbildung und Fachunterricht so, dass die Auszubildenden mich verstehen und sich fachlich und sprachlich weiterentwickeln können?“ Ausgehend von dieser Fragestellung bietet das Projekt AiS Hessen landesweit Fortbildungen zum Thema „Berufsintegrierte Sprachförderung“ für das berufliche Bildungspersonal an.

Angeboten werden berufspädagogisch fundierte Methoden und Instrumente, die sich in der beruflichen Ausbildung als praktikabel bewährt haben, die sich ökonomisch in den Ausbildungsalltag einfügen lassen und die es ermöglichen, Arbeits- wie Sprachlernprozesse systematisch und zielführend zu unterstützen. Die Fortbildung basiert auf dem Prinzip des reflexiven respektive des Handlungslernens (Dehnbostel 2007). Ziel ist, dass die Teilnehmenden in direktem Bezug zu ihrer aktuellen Tätigkeit neben sprachtheoretischen Grundlagen v. a. Handlungskompetenz erwerben können im Umgang mit den vielfältigen, durch das Thema „Sprache“ herausfordernden Situationen in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich.

Angesichts des brisanten Fachkräftemangels in den Pflegeberufen liegt ein Schwerpunkt des Projekts auf dem Berufsfeld Altenpflege; angesprochen ist jedoch auch das Bildungspersonal für die duale Berufsausbildung. Bis Ende 2018 wurden in zwölf hessischen Städten bereits 30 Fortbildungen zu je vier zweitägigen Modulen durchgeführt; 447 Lehrkräfte, Praxisanleitende und Ausbildende haben teilgenommen, 75 Prozent davon sind in der Altenpflegeausbildung als Lehrkräfte (145) bzw. Praxisanleitende (189) tätig.

Die bisherigen Auswertungen sind - auch im Hinblick auf die Aktivierung des Sprachlernens bei den Auszubildenden - vielversprechend. So zeigen die Rückmeldungen der Teilnehmenden u. a., dass sie relativ schnell ein verbessertes fachliches Verstehen und eine erhöhte (Sprach-)Lernbereitschaft bei Auszubildenden wahrnehmen und dass sie selbst mehr Sicherheit und Klarheit in der Einschätzung und Begleitung von (Sprach-)Lernprozessen gewonnen haben.

Das Verfahren des berufsintegrierten Sprachlernens
Beim FaberiS-Modell des berufsintegrierten Sprachlernens handelt es sich um ein mehrschrittiges Verfahren, das sprachliche und berufliche Bildung als genuin zusammengehörig betrachtet. Es bietet Menschen mit geringeren Sprachkenntnissen die Chance auf eine qualifizierte Berufstätigkeit, indem es die Lücke schließt, die beim Übergang vom Sprachkurs in die Ausbildung entsteht - wobei auch deutsche Muttersprachler/-innen beim Erwerb berufssprachlicher Handlungsfähigkeit davon profitieren. Lernende erhalten mit diesem Verfahren Orientierung, wie sie den Arbeits- und Ausbildungsalltag für den eigenen Spracherwerb nutzen können; dabei werden übergreifend Methoden- und Selbstlernkompetenz entwickelt oder gestärkt. Ausbildungs- und Lehrkräften bietet es ein methodisches Gerüst für eine individualisierte sprachlernförderliche Ausbildungsgestaltung, die auch der Diversität der Lernenden gerecht wird.

Insbesondere im Projekt AiS-Hessen zeigt sich, dass sich das Verfahren in weiten Zügen flexibel an unterschiedliche betriebliche und schulische Gegebenheiten anpassen lässt. Aus strategischer Sicht bietet es somit gerade den vom Fachkräftemangel betroffenen Branchen die Möglichkeit, sich den veränderten Bewerberprofilen zu öffnen und neue Personalressourcen zu erschließen.

Darüber hinaus nutzt das Verfahren einen bekannten Effekt: Sprache wird dort am besten gelernt, wo sie gebraucht wird. Je enger die Einbindung in ein Land, umso leichter kann auch die Landessprache erworben werden. Unter diesem Aspekt kann die Integration in Ausbildung und Arbeit nicht mehr nur als Folge, sondern auch als Voraussetzung für den Erwerb von Sprachkompetenz gesehen werden.

Literatur:
Dehnbostel, P. (2007): Lernen im Prozess der Arbeit. Münster: Waxmann
Maurus, A. (2015): Fachkräftemangel? Das können wir tun! Norderstedt: BoD

Dr. Meta Cehak-Behrmann, Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen (FaberiS®) in der FRAP Agentur gGmbH in Frankfurt.

Kontakt:info(at)faberis.de


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