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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteCurriculum zur kultur- und traumasensiblen Arbeit im Gesundheitswesen – Rückblick auf ein zweijähriges Pilotprojekt

Anne Neumann-Holbeck

Curriculum zur kultur- und traumasensiblen Arbeit im Gesundheitswesen – Rückblick auf ein zweijähriges Pilotprojekt

Schlagwort(e):Fortbildung, Geflüchtete, Gesundheitswesen, Interkulturelle Kompetenz

Ein Kooperationspilotprojekt der Flüchtlingsambulanz des Ambulanzzentrums des Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf und der Psychiatrie des Bethesda Krankenhauses Hamburg Bergedorf, gefördert von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen des Projekts „Operation Team – Interprofessionelle Fortbildungen“.

Ausgangssituation und Ansatzpunkte

Gelungene Integration bedeutet nicht nur, Neuankommende aufzunehmen und sie mit der für sie neuen Kultur vertraut zu machen. Der Begriff beinhaltet ebenso den Prozess, Einheimische und vor allem auch Berufsgruppen, die regelmäßig in interkulturellem Kontakt stehen, berufsspezifisch weiterzubilden. Hierbei ist von zentraler Bedeutung, sie für die Perspektiven der Migrant*innen und Geflüchteten zu sensibilisieren, durch Wissen die eigene Haltung zu öffnen und damit interkulturelles Arbeiten und Zusammenleben zu verbessern. Zusätzlich tragen viele Geflüchtete mehrfache und schwerwiegende traumatische Erfahrungen, vor allem durch Krieg, Flucht und Postmigrationsfaktoren mit sich, die ebenfalls Berücksichtigung finden sollten. Diese zwei Faktoren führen zu der Notwendigkeit, eine angemessene Form der Begegnung zu schaffen, für die durch eine vielschichtige Weiterbildung die Basis geschaffen wird. Dies gilt natürlich auch für die Gesundheitsversorgung. Hier setzt das Projekt „Operation Team“ an und legt den Schwerpunkt auf die Vermittlung von interprofessionellen Kompetenzen für Fachkräfte in der interkulturellen Gesundheitsversorgung.

Um die Versorgungsqualität in Krankenhäusern und die Freude an der Arbeit gewährleisten zu können sowie (re)traumatisierende Erlebnisse auf beiden Seiten zu verhindern, sollte eine kultur- und traumasensible Versorgung zur Verfügung stehen. Zudem verstärkt ein prognostizierter Anstieg des Versorgungsaufkommens von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund im psychotherapeutischen sowie psychosozialen Bereich die Relevanz von Weiterbildungen von Fachkräften. Vor allem im Gesundheitswesen sind kultur- und traumarelevante Themen sowie der Umgang mit gewalttätigen Konflikten und Selbstfürsorge nicht ausreichend in die Ausbildung integriert. Obwohl ein Teil der Fachkräfte bereits über differenziertes Wissen verfügt, ist es wichtig, Wissen flächendeckend und systematisch zu vermitteln, um einheitliche Standards zu entwickeln, die an alle Fachkräfte weitergegeben werden können. Es geht darum, kulturbedingte Besonderheiten sowie „unsichtbare Wunden“ der Patient*innen, deren Beachtung zu einer relevanten Verbesserung ihres Zustands führen würde, in die Behandlung einzubeziehen. Gleichzeitig soll die Sicherheit des Personals bezüglich Trauma und Gewalt erhöht werden.

Ziele und Zielgruppen

Das Curriculum richtet sich an Pflegende, Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen sowie alle weiteren Therapeutengruppen des Bethesda Krankenhauses. Es hat zum Ziel, für kulturelle und traumaassoziierte Belange zu sensibilisieren. Durch Wissen und Verständnis sollen in der Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund Unsicherheiten abgebaut und Konflikten vorgebeugt werden. Teilnehmer*innen wurden in Themenbereichen wie Flucht und Migration, Kultursensibilität und im Umgang mit traumabelasteten Patient*innen geschult. Ein weiterer Fokus lag auf dem Themenbereich Selbstfürsorge und emotionale Abgrenzung. Im Rahmen von Seminaren und persönlichem Austausch sowie unter Anwendung audiovisueller/digitaler Inhalte konnten Wissen vermittelt und Reflexionsprozesse über eigene und fremde kulturelle Identitäten angestoßen werden. Dadurch sollten Unsicherheiten und damit verbundene Ablehnung fremder oder ungewohnt erscheinender Verhaltensweisen abgebaut werden. Die Teilnehmer*innen haben trainiert, wie sie kulturell bedingte Konflikte und Unstimmigkeiten im (Arbeits-)Alltag vermeiden können.

Mittelfristig trägt das Projekt dazu bei, das Bewusstsein der Teilnehmer*innen bezüglich der Relevanz interprofessionellen Handels für eine erfolgreiche Behandlung der Patient*Innen zu schärfen und die Kommunikation und Zusammenarbeit im multidisziplinären Team zu verbessern. Langfristig ist mit positiven Auswirkungen hinsichtlich Ressourcenschonung durch Entlastung des Personals und Reduzierung krankheitsbedingten Arbeitsausfalls zu rechnen. Ferner soll auf gesellschaftlicher Ebene an einer Erleichterung des Integrationsprozesses mitgearbeitet werden, da neu in Deutschland ankommende Menschen durch eine kultursensible Versorgung eher genesen und sich darüber hinaus leichter an die neue Umgebung gewöhnen. Der Abbau von Missverständnissen und Stereotypen ist ein weiteres gesellschaftliches Ziel. Neue Sichtweisen sollen von der Zielgruppe in den Alltag getragen werden und so zur kulturellen Offenheit beitragen.

Einblicke in die Durchführung

Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurde das Curriculum entwickelt und pilotiert. Als Partner setzte das multidisziplinäre Team des Bethesda Krankenhauses vor allem als Ideengeber aus der Praxis Impulse. Mit Hilfe von Prä- und Postfragebogen sowie durch regen Austausch der Projektpartner konnten viele Wünsche, Anregungen und Ideen aufgenommen werden. Die Flüchtlingsambulanz hatte die Leitung inne und war für die Koordinierung sowie konzeptionelle und inhaltliche Ausarbeitung verantwortlich. Im ersten Jahr wurde das Curriculum entwickelt. Anschließend wurden die fünf Module durchgeführt: interkulturelle Arbeit, Sprache und Kommunikation, Bindung und Familie, Gewalt und Vorurteile, Konzepte von Krankheit und Gesundheit. Länderspezifische Inhalte, die Themen Dolmetscherarbeit, Traumata und ihre Folgen sowie Selbstfürsorge waren modulübergreifend Gegenstand der Seminare. Fallbesprechungen und Supervisionsanteile waren ebenfalls feste Bestandteile jeden Treffens.

Ergebnisse und Erfahrungen

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Durchführung ist gegenseitiges Vertrauen. Großzügige Phasen des Zuhörens haben sich als essenziell und gleichzeitig sehr nützlich erwiesen, um Bedürfnisse, Standpunkte sowie die Gruppendynamiken einschätzen zu können. Da die Mehrheit der Teilnehmer*innen besonders großen Gesprächsbedarf hatte, übertraf der Effekt integrierter supervisorischer Anteile die Erwartungen und wirkte stark vertrauensbildend. Die individuellen Wünsche der Pflegenden und jene der Ärzt*innen/Therapeut*innen divergierten bisweilen stark. Das Vorhaben, beide gleichermaßen in das Curriculum zu integrieren und allen Wünschen gerecht zu werden, sollte nicht unterschätzt werden. Der Lösungsansatz, gemeinsam Ziele zu formulieren, erwies sich als zielführend. Der persönliche Austausch durch gegenseitige Hospitationen in Bergedorf sowie in der Flüchtlingsambulanz war eine erfolgreiche Idee, um sich als Projektpartner besser kennenzulernen.

Eine der größten Herausforderungen stellte die Integration des Curriculums in den laufenden Klinikbetrieb inklusive Schichtsystem dar. Die Pilotierung des Konzepts war hier gut geeignet, um zu experimentieren und die erforderlichen Rahmenbedingungen auszuloten. Je nach Anforderungen und Bedürfnissen kann das Curriculum von fünf auf die doppelte Anzahl Module erweitert und angepasst werden. So können Themen intensiver behandelt und Reflexionsprozesse langfristiger begleitet werden.

Weitere Ideen ergaben sich während des Projekts. So entstand an einem Hospitationstag auf der Station die Idee, einen kultursensiblen Kurzfilm für neu ankommende Patient*innen zu drehen. Der Film konnte durch die Flüchtlingsambulanz realisiert werden und zum Projektabschluss an die Station in einer Übersetzung auf Arabisch und Dari/Farsi übergeben werden. Er stellt nicht nur sicher, dass wichtige Regeln und Informationen vermittelt werden, sondern ist auch eine wertschätzende Willkommensgeste. Nach ersten Erfahrungen wird er als sehr große Bereicherung empfunden. Zusätzlich wurden Informationsmaterialien für die Patient*Innen in diverse Sprachen übersetzt.

Beide Teams, aber insbesondere das multiprofessionelle Team der psychiatrischen Klinikstation als direkter Profiteur, empfinden dieses Projekt als sehr große Bereicherung. Um mit dem Fazit einer Teilnehmerin abzuschließen: „Verständnis schafft Mitgefühl, Mitgefühl schafft Kooperation, und Kooperation schafft Stärkung und Geborgenheit.“

Ausblick

Auf den Erfahrungswerten des Pilotprojekts aufbauend, soll das Curriculum auch in anderen Kliniken und Einrichtungen implementiert werden und die Zielgruppe um weitere (Berufs-)Gruppen im Gesundheitswesen erweitert werden.

M. Sc. Psych. Anne Neumann-Holbeck ist Projektkoordinatorin von „Operation Team – Interprofessionelle Fortbildungen“.

Kontakt:
fluechtlingsambulanz(at)uke.de


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