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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteDas Netzwerk baobab – zusammensein e. V.

Kass Kasadi

Das Netzwerk baobab – zusammensein e. V.

Der Wunsch zu verstehen, gekoppelt mit dem Wunsch, verstanden zu werden. (Leitmotiv von baobab – zusammensein e. V.)

Schlagwort(e):Beratung, Geflüchtete, Selbsthilfe, Sprache, Teilhabe

Der Baobab (afrikanischer Lebensbaum) ist in Subsahara-Afrika[1] das Sinnbild für eine Gemeinschaft, die zusammenkommt und sich gegenseitig unterstützt. Unterm Baobab versammeln sich die Menschen, um zu diskutieren, zu feiern und zu lernen.

Unser A und O ist das Verstehen

Zu Beginn der Vorstellung des Vereins baobab – zusammensein, seiner Geschichte, Struktur und Ziele, soll hier kurz auf die wichtigste Grundlage unserer Arbeit eingegangen werden: das Verstehen. Beratungs- und Betreuungsangebote für Zugewanderte und Schutzsuchende können nur dann wirksam und zielführend sein, wenn sie von den zu beratenden Personen verstanden und angenommen werden. Der Wertekontext und das Selbstverständnis von Menschen aus Subsahara-Afrika unterscheiden sich jedoch erheblich von der in Deutschland verbreiteten Wahrnehmung und Selbstkonstruktion. Es reicht nicht aus, sogenannte niedrigschwellige Beratungsangebote zu machen, selbst wenn diese in der jeweiligen Muttersprache stattfinden. Häufig ist selbst kulturelle Sensibilität nicht genug – es bedarf der kulturellen Affinität, um wirklich zu verstehen und verstanden zu werden. Daher setzt sich baobab für einen Paradigmenwechsel ein.

Für afrikanische Migrant*innen in Niedersachsen gab es lange Zeit keine Unterstützungsstruktur, die ihren Voraussetzungen und Bedürfnissen gerecht wurde, die ihnen nahebrachte, wie Deutschland „tickt“, die das Gefühl von Zugehörigkeit und Aufgehobensein vermitteln konnte und echte Hilfe zur Selbsthilfe leistete. Um diese gravierende Lücke zu schließen, fand sich ein Teil der afrikanischen Community unter der Federführung von Kass Kasadi (Gründer und Geschäftsführer) zusammen, um afrikanische Migrant*innen nachhaltig zu unterstützen. Das Ergebnis ist baobab – eine Gemeinschaft, die Handlungsperspektiven auf Augenhöhe und mit gegenseitiger Wertschätzung für verschiedene kulturelle Hintergründe entwickelt und so Selbstwirksamkeit und wichtige Handlungsspielräume eröffnet. Ein starker Fokus liegt auf der Einbeziehung der zu beratenden Personen, sodass sich diese nicht als Konsument*innen, sondern als Akteur*innen ihres Schicksals begreifen und an der Weiterentwicklung eigener Kompetenzen arbeiten. Diese Methodik bietet die Möglichkeit zur Selbstreflexion über kulturelle Eigenbestimmung und Wahrnehmungen sowie Orientierungswissen in Bezug auf die eigene Lebenssituation.

Entstehung und Ausrichtung

Das seit 2013 bestehende Netzwerk baobab – zusammensein ist aus den heterogenen afrikanischen Communities in Niedersachsen und Bremen entstanden. Es begann als Projekt innerhalb des Landesverbands der Niedersächsischen AIDS-Hilfen, der Schwerpunkt lag auf kulturaffiner Unterstützung und Begleitung von AIDS-Patient*innen sowie der Präventionsarbeit in den afrikanischen Communities. Mit Gründung des gemeinnützigen Vereins baobab – zusammensein e. V. im Oktober 2015 wurde neben dem Projektschwerpunkt HIV/AIDS der Arbeitsbereich ausgeweitet; der Verein setzt sich für die seelische, körperliche und geistige Gesundheit Zugewanderter aus Subsahara-Afrika ein. Neben Schulungen und Fortbildungen im Gesundheitsbereich, sprachlicher Unterstützung, Kooperation mit sozialen Einrichtungen, Ärzt*innen, Krankenhäusern etc. liegt ein starker Fokus darauf, die Menschen dahingehend zu befähigen, ihre Interessen selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu vertreten.

baobab arbeitet mit dezentralen Strukturen, ein erheblicher Teil der Arbeit und Projekte wird von den vielen regionalen Koordinierungsstellen und Einzelpersonen in Niedersachsen und Bremen getragen und umgesetzt. Generell definiert die Basis die Projektzielsetzungen, entwickelt Konzepte zur Umsetzung, bestimmt die Anwendung von Ressourcen und gestaltet schließlich die Beratung, die Fortbildung oder Prävention in eigener Regie. Die Arbeit von baobab ist auf die Community gerichtet, wobei auch der Aspekt der Brückenfunktion enorm wichtig ist, in der baobab als Verbindungs-und Vermittlungsglied zur Mehrheitsgesellschaft fungiert.

Schwerpunkte/Ziele

Unser Netzwerk hat sich im Laufe der Jahre von einem Projekt im Bereich der Gesundheits- und HIV/AIDS-Prävention immer stärker zu einem umfassenden Netzwerk für Gesundheit und Teilhabe für und in den Communities entwickelt.

Unsere Schwerpunkte/Ziele lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Partizipative, emanzipatorische und auf Augenhöhe verankerte Gesundheitsförderung von und für Afrikaner*innen in Niedersachsen und Bremen
  • Gründung und Verankerung von Selbsthilfegruppen in der afrikanischen Community
  • Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung – FGM
  • HIV-/AIDS-/Hepatitis-Prävention / Kampf gegen Stigmatisierung
  • Förderung der Teilhabe der Communities an der Ausarbeitung und Ausgestaltung gesundheits- und integrationsfördernder Angebote und Methoden / Förderung der Transkulturalität
  • Schulung bzw. Fortbildung hinsichtlich afrikanischer Lebensweisen und Gesellschaften für Menschen, die in den Bereichen Gesundheit und Teilhabepolitik tätig sind
  • Förderung des Community-Empowerments

Selbstverständnis

Dem transkulturellen Peer-to-Peer-Ansatz wird bei baobab – zusammensein e. V. eine große Bedeutung zugemessen. In dem Kulturkreis, in dem baobab tätig ist, wird das gesprochene Wort stärker akzeptiert als das geschriebene, daher ist baobab eine Komm- und Aufsuchende Struktur, in der den Aktiven ein erheblicher Arbeitseinsatz abverlangt wird. Ergebnisse werden durch eine gelebte Kommunikation erzielt, was schließlich zur Teilhabe der Beteiligten an Veränderungsprozessen in der Gesellschaft führt. Die Mitwirkung afrikanischer Migrant*innen an der Ausarbeitung und Ausgestaltung partizipativer Angebote und der Integrationspolitik ist für uns unabdingbar. Wie unsere Erfahrung zeigt, werden transkulturell begleitete Menschen so gut wie immer Teil und Multiplikator*innen des Netzwerks und bleiben so baobab auf lange Sicht hin verbunden.

Wirkungskreis und Netzwerk

Der Wirkungskreis von baobab – zusammensein e. V. erstreckt sich über ganz Niedersachsen und Bremen. Dank seiner ehrenamtlich tätigen Regionalkoordinator*innen und Unterstützer*innen verfügt baobab – zusammensein über einen einzigartigen Zugang zu den landesweiten afrikanischen Communities, da sie einen Teil dieser Gemeinschaft bilden. Damit erreicht das Netzwerk eine tiefgehende Verankerung innerhalb der afrikanischen Bevölkerung Niedersachsens.

[1] Subsahara umfasst alle afrikanischen Staaten mit Ausnahme von Algerien, Ägypten, Marokko, Libyen und Tunesien.

Wichtige Kooperationspartner*innen sind die AWO – Bezirksverband Hannover, das Ethno-Medizinische Zentrum e. V., regionale AIDS-Hilfen, die Landesvereinigung für Gesundheit/Migration, Kliniken, Krankenhäuser, Krankenkassen, der Flüchtlingsrat Niedersachsen, Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e. V. (VNB), LAGFA Niedersachsen e. V., Modellprojekt Anonymer Krankenschein e. V., afrikanische Ärzt*innen, afrikanische Vereine und Organisationen, Kirchen und Moscheen, die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich (KIBiS), Krankenhäuser, Kliniken, Apotheken sowie Einzelpersonen.

Projekte

Unter dem großen Dach von baobab – zusammensein e. V. gibt es diverse Projekte, in denen spezifische Aspekte der Teilhabe bearbeitet werden. In den letzten vier Jahren wurden 14 Projekte ins Leben gerufen, elf Projekte wurden erfolgreich abgeschlossen.

Laufende Projekte

  • Weser – Aller: Stärkung und Begleitung HIV-positiver Geflüchteter aus Afrika im ländlichen Raum Niedersachsens (gefördert durch die Deutsche AIDS-Stiftung)
  • Mouharaba (arabisch für „sich gegen etwas auflehnen“): Kampf gegen Female Genital Mutilation (gefördert durch die Stadt Hannover)
  • Amani („Frieden“ auf Suaheli): Sensibilisierung zu Genderfragen und Aufbau von Strukturen für die Communities vor allem im ländlichen Raum, in denen Genderfragen nachhaltig diskutiert werden und eine Gleichberechtigung zur Normalität wird (gefördert durch das Niedersächsischen Sozialministerium)
  • Entlastende Gespräche: Durch dieses Projekt sollen Ehrenamtliche in ihrem Engagement mit Geflüchteten unterstützt werden. In kleinen Gruppen werden durch qualifizierte Referent*innen ortsnah Gesprächsrunden moderiert (in Zusammenarbeit mit der LAGFA Niedersachsen).
  • Yayo‑H („Willkommen in Hannover“ auf Tetela): Förderung und Stärkung der Teilhabe afrikanischer Migrant*innen (gefördert durch die Stadt Hannover)

Schlussgedanken

Müssten wir heute ein Resümee ziehen, wäre es ganz klar positiv: Im Lauf der Jahre konnten wir eine Vielzahl von Mitgliedern, Multiplikator*innen, Kooperationspartner*innen und Projektförderern gewinnen (handelte es sich bei baobab um ein Wirtschaftsunternehmen, spräche man wahrscheinlich von einer „Erfolgsgeschichte“). Und obwohl wir nun schon viele Jahre aktiv sind, ist unsere Leidenschaft für und unser Traum von einer gerechten Gesellschaft, in der Geschlecht, Alter oder Herkunft keine Rolle spielen, ungebrochen! Zur dieser Passion gehört auch der Zugang zu medizinscher Versorgung aller Menschen in Deutschland.

Wie für alle anderen Migrantenselbstorganisationen gibt es aber natürlich auch für baobab Hürden und Erschwernisse. Das sind beispielsweise rassistische/postkolonialistische Sichtweisen und Klischees oder die Tatsache, dass man sich Ehrenamt leisten können muss. Bislang war es uns immer möglich, logistische und projektbezogene Kosten durch Unterstützung von Stadt, Land und anderen Stellen zu decken, aber natürlich wäre es wünschenswert, langfristig finanziell entspannter arbeiten zu können, ohne immer wieder erhebliche Energie in Fundraising stecken zu müssen.

Kass Kasadi ist Geschäftsführer von baobab – zusammensein, www.baobab-zs.de

Kontakt:
info(at)baobab-zs.de


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