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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteInterkulturelle Öffnung der Selbsthilfe in Nordrhein-Westfalen

Dorothee Köllner, Lioba Heuel

Interkulturelle Öffnung der Selbsthilfe in Nordrhein-Westfalen

Schlagwort(e):Gesundheitsförderung, Interkulturelle Öffnung, Selbsthilfe

Selbsthilfe ist in Deutschland ein bewährtes und bekanntes Unterstützungsangebot. Menschen, die sich in Selbsthilfegruppen treffen, tauschen sich mit ihren Erfahrungen über ihre gemeinsame Betroffenheit aus und profitieren vom Wissen sowie den Erkenntnissen der einzelnen Gruppenmitglieder. Die gesundheitsfördernde Wirkung von Selbsthilfe ist nachgewiesen.

Leider erreicht dieses Angebot nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung. Um das zu ändern, sind neue Schritte bzw. zielgruppenspezifische Konzeptionen erforderlich. Menschen mit Migrationsgeschichte sind ebenfalls deutlich seltener in der Selbsthilfe vertreten. Ein Grund dafür ist, dass Selbsthilfe in Gruppen Gleichbetroffener als eine Form der Bewältigung von Krankheiten oder Umsetzung sozialer Anliegen in vielen Kulturkreisen weitestgehend unbekannt ist. Um das zu ändern, ist die interkulturelle Öffnung der Selbsthilfe schon seit vielen Jahren eine zukunftsweisende Herausforderung für Selbsthilfeaktive und Selbsthilfeunterstützungsstellen. Im Folgenden sollen einige der in Nordrhein-Westfalen in diesem Themenfeld gemachten Erfahrungen vorgestellt werden.

Interkulturelle Öffnung in der Arbeit von Selbsthilfeunterstützungsstellen

Die Zahl von Menschen mit Migrationsgeschichte in etablierten deutschsprachigen Selbsthilfegruppen hat bereits in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Besonders in Gruppen von Sucht- sowie Krebserkrankten und Menschen mit psychischen Belastungen sind zunehmend auch Teilnehmende mit Migrationshintergrund vertreten.

In der Arbeit der Selbsthilfe-Kontaktstellen in Nordrhein-Westfalen wird neben der Vermittlung in bestehende deutschsprachige Selbsthilfegruppen die Gründung nicht deutschsprachiger Gruppen gleichrangig unterstützt. In diesen Selbsthilfegruppen, die sich zumeist mit gesundheitlichen Themen beschäftigen, existieren dann soziale und kommunikative Regeln, die in einem gemeinsamen kulturellen Kontext stehen – es gibt kein Unwohlsein durch kulturelle Missverständnisse unter den Gruppenmitgliedern. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ausdrücklich den Wunsch äußern, an deutschsprachigen Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Ein wichtiger Hinweis für die Arbeit von Selbsthilfeunterstützungsstellen: In der Vermittlung von Selbsthilfeangeboten ist es immer empfehlenswert, sowohl auf deutschsprachige als auch auf andere muttersprachliche Selbsthilfegruppen hinzuweisen. Indem verdeutlicht wird, dass die Teilnahme an Selbsthilfegruppen ein bekanntes und verbreitetes Gesundheitsangebot auch bei Menschen mit Migrationsgeschichte ist, können mögliche Hürden gesenkt werden.

Multiplikator*innen – Türöffner*innen in der Verbreitung des Selbsthilfegedankens

Stabile Netzwerke und Multiplikator*innen sind unerlässlich, um Menschen mit Migrationsgeschichte Selbsthilfe als wichtige Säule in der Gesundheitsversorgung näherzubringen. Erfahrungswerte zeigen, dass ein vernetztes und professionsübergreifendes Handeln gewinnbringend ist. Es gilt aber auch: Selbsthilfe ist bei relevanten Multiplikator*innen nicht immer ein bekanntes Angebot. Die Aufklärungsarbeit seitens der entscheidenden Stellen sowie die Pflege der Netzwerkarbeit sind daher von großer Bedeutung.

Wichtige Multiplikator*innen sind:

  • Fachleute aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich mit eigenem Migrationshintergrund. Sie kennen sich oft mit kulturspezifischen Umgangsweisen aus und genießen das Vertrauen der Menschen.
  • Migrantenselbstorganisationen als ein bedeutsamer Bestandteil der Zivilgesellschaft. Sie leisten wichtige Beiträge zur gesellschaftlichen Partizipation und Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. In ihrer Arbeit können sie eine Brückenfunktion übernehmen und z. B. ihre Mitglieder über Selbsthilfe informieren. Zusätzlich sind sie etwa für die Selbsthilfe-Kontaktstellen potenzielle Kooperationspartner*innen bei gemeinsamen Veranstaltungen.
  • Große Betriebe, die beispielsweise einen eigenen Sozialdienst oder Kulturmittler*innen vorhalten. Sie arbeiten im Kontext des betrieblichen Gesundheitsmanagements und haben dabei direkten Kontakt zu Arbeitnehmer*innen, auch zu denen mit Migrationsgeschichte. Sie können ebenfalls Multiplikator*innen des Selbsthilfegedankens sein.
  • Fachkliniken und Krankenhäusern, die vor allem über medizinisches Fachpersonal mit eigener Migrationsgeschichte eine kulturspezifische Ansprache von Patient*innen vornehmen. Der hausinterne Sozialdienst nimmt in diesen Zusammenhängen zusätzlich eine Schlüssel- bzw. Brückenfunktion zur Selbsthilfe ein.[1]
  • Ausgebildete „Dialogbegleiterinnen“, die Gruppen unterstützen und nach dem sogenannten „dialogischen Prinzip“ arbeiten, das dem Selbsthilfegruppengedanken ähnlich ist. Dialogbegleiterinnen sind oft Frauenbeauftragte in Migrantenselbstorganisationen oder pflegen Kontakte zu Kultur- und Moscheevereinen. 
  • Zudem ist die Gründung von regionalen Expert*innennetzwerken, die einen besonderen Zugang zur Zielgruppe haben (möglicherweise über einen eigenen Migrationshintergrund), zielführend. Die Zusammensetzung des Netzwerks kann regional variieren. Bewährt haben sich Personen aus dem psychosozialen Hilfesystem.

Interkulturelle Schulungen tragen zum gegenseitigen Verstehen bei

Fortbildungen zur Stärkung der interkulturellen Kompetenz von Selbsthilfeaktiven und Fachleuten tragen maßgeblich dazu bei, Berührungsängste abzubauen. Zusätzlich entstehen Impulse für eine kultursensible Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung. Workshops für Selbsthilfegruppen im Bereich interkultureller Öffnung ermöglichen in den Gruppen eine Willkommenskultur für Menschen mit Migrationsgeschichte und die Beseitigung von Hürden. Bei der Gestaltung von Regeln und Begegnungsformen wird eine entspannte Gruppenhaltung angestrebt und gestärkt.

 

Erprobte Praxis kultursensibler Arbeit in der Selbsthilfe

Einige Beispiele und Ideen für eine kultursensible Öffnung der Selbsthilfelandschaft sind folgende:

  • Eine flexiblere Startzeit der Selbsthilfegruppe wird unter Umständen einem (kulturspezifischen) verschiedenen Umgang mit Zeit gerecht.
  • Eine anerkannte Autorität von außen (beispielsweise ein mutter-/zweisprachiger Arzt/Therapeut) begleitet die Startphase einer neuen Selbsthilfegruppe.
  • In-Gang-Setzer*innen mit Migrationsgeschichte, als freiwillig Engagierte der Selbsthilfe-Kontaktstellen, begleiten die Anfangsphase einer neuen Selbsthilfegruppe. Sie unterstützen die Teilnehmenden beim Austausch und achten auf günstige Rahmenbedingungen für ein gelingendes Miteinander. [2]
  • Die Startbegleitung einer nicht deutschsprachigen Selbsthilfegruppe benötigt oft mehr Zeit als gewohnt.
  • Zu bestimmten Themen wie dem psychischer Belastungen treffen sich Frauen und Männer bevorzugt in getrennten Gruppen.
  • Eine interkulturelle Ausrichtung von öffentlichen Selbsthilfe- oder Gesundheitstagen sichert die Beteiligung von nicht deutschsprachigen Gruppen und lockt Interessierte an.
  • Der organisierte Austausch, z. B. bei regelmäßigen Gesamttreffen regionaler Selbsthilfegruppen, sichert ein Voneinanderlernen und verbindet „traditionelle“ deutschsprachige und nicht deutschsprachige Gruppen.
  • Für die Öffentlichkeitsarbeit gilt: Mund-zu-Mund-Propaganda über Selbsthilfegruppen ist erfolgsversprechender als jeder ein-, zwei- oder mehrsprachige Flyer.
  • Fachbezogene Infostände mit der Kompetenz der Mehrsprachigkeit erreichen deutlich mehr Menschen mit Migrationsgeschichte. Je bürgernaher und aufsuchender ein Angebot, desto gewinnbringender.

Resümee

Vielen Menschen mit Migrationsgeschichte ist das Selbsthilfeangebot in Deutschland weiterhin nicht ausreichend bekannt, sodass sie deutlich seltener den Weg in die Selbsthilfe finden. Verschiedene Barrieren (Sprache, Unkenntnis des Modells der gegenseitigen Hilfe in Gruppen etc.) erschweren den Zugang. Es gibt aber viele Ansätze, die Bewegung in das Arbeitsfeld bringen. Um mögliche Hindernisse und Barrieren zu beheben und neue Zugänge für Menschen mit Migrationsgeschichte zu schaffen, sind insbesondere Schulungen zur Interkulturellen Kompetenz sowie gute Kontakte zu Multiplikator*innen zu empfehlen.

Die deutsche Gesellschaft ist durch Vielfalt geprägt. Jede vierte Person in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Daher kann es nicht „den Weg“ in die Selbsthilfe geben, der „alle“ anspricht. Aber: Gespräche, Begegnungen und eine große Offenheit bilden die Grundlage dafür, diesen Weg weiter zu beschreiten.

Dorothee Köllner, Leitung Selbsthilfe-Kontaktstelle Bochum, Der Paritätische NRW

Lioba Heuel, Projektleitung „Migration und Selbsthilfeaktivierung III“, Der Paritätische NRW

Kontakt:
koellner(at)paritaet-nrw.org
lioba.heuel(at)paritaet-nrw.org

[1]www.selbsthilfefreundlichkeit.de

[2]www.paritaet-nrw.org/soziale-arbeit/projekte/in-gang-setzer/


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