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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteMigrantische Selbsthilfe – Argwohn und Ablehnung?

Wolfgang Dengler

Migrantische Selbsthilfe – Argwohn und Ablehnung?

Ein Erfahrungsbericht der Vereinigung russischsprachiger Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen in Deutschland „Die Sputniks e. V.“

Schlagwort(e):Geflüchtete, Gesundheitsversorgung, Migration, Russische Herkunft, Selbsthilfe, Sprachmittlung

Russischsprachige Menschen bilden die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund in Deutschland. Wir Sputniks sind mit 30 Selbsthilfegruppen, rund 700 betroffenen Familien und über 200 ordentlichen Vereinsmitgliedern (Stand März 2020) mittlerweile die größte migrantische Selbsthilfeorganisation in Deutschland. Unsere Arbeit wird vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und vom Kindernetzwerk geschätzt und unterstützt.

Anfänge
Als wir vor zehn Jahren in Berlin begannen, uns wegen der Beeinträchtigungen unserer Kinder zu treffen und zu unterstützen, ahnten wir nichts vom deutschen Selbsthilfekonzept. Vereine in der russischsprachigen Diaspora beschäftigen sich überwiegend mit Kultur, Ausbildung oder Politik. Behinderung und Inklusion sind für Nichtbetroffene ein „westliches“, abstraktes Thema. Aber auch von Behörden, Arztpraxen und Krankenkassen erhielten wir keinerlei Hinweise auf die gesundheitsorientierte Selbsthilfe.

So bauten wir intuitiv etwas auf, das dem deutschen Selbsthilfeprinzip stark ähnelt. Wir trafen uns regelmäßig in Berlin und anderen Städten und gründeten daneben eine private virtuelle Austauschplattform mit integriertem Wissenspool, in dem wir Fachwissen sammelten und es in verständlicher Form auf Russisch übersetzten. Bis heute sind wir die einzige Selbsthilfeorganisation für russischsprachige Menschen mit Beeinträchtigungen. Zu uns stießen dank Internet aus ganz Deutschland Familien mit Kindern mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Sie waren assimiliert oder gerade erst angekommen, sie stammten aus Europa oder Asien, sie gehörten christlichen, islamischen oder jüdischen Glaubensrichtungen an, sie waren akademisch gebildet oder bildungsfern. Einige waren EU-Binnenflüchtlinge aus baltischen Ländern, wo sie wegen ihrer russischsprachigen Herkunft diskriminiert wurden. Andere flüchteten aus Dagestan, Moldawien, Tadschikistan, Tschetschenien und Usbekistan, wo jegliches Engagement für Behinderte als unerwünschte politische Betätigung diffamiert wird. Was uns Angehörige von 15 Nationen und vier Religionen vereinte, war das Schicksal unserer Kinder und die Verkehrssprache Russisch. Wir erkannten, dass die gesundheitliche Problematik unserer Kinder oft zur Selbstausgrenzung führt. So begannen wir, integrative/inklusive Unternehmungen zu organisieren: Theater- und Museumsbesuche, Bahnfahrten zum Öko-Dorf, zum Reiterhof oder zum Badespaß am Dorfstrand – immer mittendrin im deutschen Alltag. Diese Unternehmungen stärken das Selbstvertrauen der Betroffenen und sie werben für die Selbsthilfe

Kultursensible Peer-Akquise im Netz – der Schlüssel zur Selbsthilfe-Aktivierung einer großen, fast unbekannten Betroffenengruppe

Neben der viralen Verbreitung akquirieren wir auch gezielt im Netz, indem wir in russischsprachigen Foren auf betroffene Eltern zugehen. Wir regen Novizen an, sich virtuell mit anderen Eltern auszutauschen, sich auch persönlich kennenzulernen. In Städten führt dies verstärkt zur Bildung von klassischen gesundheitsorientierten russischsprachigen Selbsthilfegruppen. Wir nennen dies: digital forciert lokal. Wie wertvoll dieser „Aktivierungsschlüssel“ ist, erkannten wir erst später: In der Fachwelt wurde der geringe Migrant*innenanteil in der Selbsthilfe beklagt, gleichzeitig wurden kassengeförderte Projekte wie Boris, Istotschnik, Kendimiz.de, Migration+Selbsthilfeaktivierung-NRW oder Modellstandort-Bielefeld mit hohem Mitteleinsatz unterstützt. Trotz Verlängerung oder Neuauflage solcher Projekte bleibt ihre nachhaltige Wirkung allerdings gering.

Ein Hoffnungsschimmer

Nach einigen Jahren erfuhren wir von türkischen Kolleg*innen, dass Krankenkassen Gesprächsgruppen fördern, was uns positiv überraschte. Wir schöpften Hoffnung, dass unser schnelles Wachstum, verbunden mit mangelhaften Strukturen, Burn-outs und Fluktuation, in professionelle, effektive und ruhigere Bahnen überführt werden kann. Fachlicher Beistand und finanzielle Förderung schienen greifbar. 2017 gründeten wir unseren Verein „Die Sputniks e.V.“, um als Körperschaft bessere Handlungsfähigkeit, Gemeinnützigkeit und Kassenförderfähigkeit zu erlangen.

Negative Erfahrungen mit Kassen, Kontaktstellen und Selbsthilfestrukturen

Bald mussten wir feststellen, dass für uns „Sputniki“ (Weggefährten) niemand so recht zuständig ist. Unsere jahrelang gewachsenen analogen und digitalen Selbsthilfestrukturen, über die sich bereits Hunderte russischsprachige betroffene Eltern deutschlandweit austauschten, konnten Kassen, Kontaktstellen und Vertreter der Selbsthilfe nicht einordnen. Dies lag an sich überschneidenden Förderebenen, (lokal/regional/national), an unseren virtuellen Aktivitäten und an fehlender Lobby. Vergeblich baten wir bei Vertretern der Selbsthilfe, bei der GKV und einzelnen Kassen um Beratung, vergeblich luden wir Verantwortliche zu uns ein. So stellten wir Anträge. Unsere Konzepte wurden von Kassen und der NAKOS ausdrücklich gelobt. Wir wurden zwischen Förderebenen hin und her verwiesen. In einigen Fällen unterblieben Bescheide oder Widersprüche wurden selbst nach sechs Monaten nicht beschieden. Eine fördermittelgebende Krankenkasse empfahl uns, mit unseren Kindern einer russischsprachigen Sucht(!)-Selbsthilfeorganisation beizutreten, um von deren Förderpotenzial zu profitieren.

Wir suchten den Dialog auf allen Ebenen. Die BMG-geförderte SHILD-Studie (Kofahl, Schulz-Nieswandt & Dierks 2016) thematisierte Vorwürfe zur Praxis der Fördermittelvergabe (Intransparenz, teilweise Willkür, ausufernde Bürokratie); dies müssen wir leider bestätigen. Die beschriebenen bürokratischen Hürden sind für Migrant*innen natürlich noch höher als für die deutschen Interviewpartner*innen der SHILD-Studie. Der Austausch in einer nichtdeutschen Verkehrs- oder Muttersprache ist offiziell als zielführend und förderfähig anerkannt. In der Studie des Selbsthilfezentrums München (Selbsthilfe-Gesundheit-Migration 2019) wird dies sogar als Königsweg bezeichnet. Inoffiziell wurde uns jedoch bedeutet, deutsche Gruppen zu besuchen oder „interkulturelle“ Gruppen zu gründen und uns dort in deutscher Sprache oder mithilfe von Dolmetscher*innen auszutauschen. Ratschläge dieser Art erhielten wir von den GKV-Gemeinschaftsförderungen Berlin und der Bundesebene, von Vertretern der Selbsthilfe und von deutschen Kolleg*innen. Deutsche Gruppen sind u. E. für Migranten wegen der Sprachproblematik kaum zielführend. Interkulturell ausgerichtete Gruppen spalten sich erfahrungsgemäß nach Sprachen auf, existieren nur kurze Zeit oder bestehen lediglich auf dem Papier. Oberstes Ziel der Selbsthilfe ist die Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Teilnehmer*innen. Integration hingegen, obschon wünschenswert, ist in der Selbsthilfe nachrangig. Migrant*innen sind vor allem dann integriert, wenn sie ihre Pflichten und Rechte erfüllen bzw. wahrnehmen. Im babylonischen Sprachgewirr einer interkulturellen Gruppe sind diese kaum zu vermitteln.

Es scheint, als erzeuge unser plötzliches, bundesweites Erscheinen Argwohn und führe zu restriktiver Fördermittelvergabe bei der Pauschalförderung. Unsere innovativen Projektkonzepte werden zwar mit Anerkennung bedacht, bleiben jedoch bei der Fördermittelvergabe chancenlos wegen der Neuregelung der Fördertöpfe – zum 1. Januar 2020 wurden die GKV-Projektfördermittel um 40 Prozent reduziert, Bestandskunden und etablierte Player haben dabei Vorrang. Wir werden als „migrantische Parallelstruktur“ in der Selbsthilfe wahrgenommen. Im Klartext bedeutet dies, dass sich Migrant*innen besser deutschen Selbsthilfeorganisationen anschließen sollten. Im Endergebnis erhielten wir bis heute keine substanzielle Kassenförderung. Ein Potenzial von rund 100.000 russischsprachigen betroffenen Familien bleibt somit für die Selbsthilfe weitgehend unerschlossen. Unsere eingangs erwähnte virtuelle Austauschplattform mit rund 20.000 monatlichen Zugriffen, die unsere Eltern interimsmäßig privat betreiben, wird wegen fehlender Finanzmittel auf Facebook betrieben und ist daher nicht förderfähig (vgl. Gemeinsames Rundschreiben 2020); GKV-Mittel für ihre Umwandlung in eine „legale“ Plattform wurden uns versagt. So verbleibt ein erfolgreiches Instrument halb verborgen im Dunkel des Förderdschungels.

Ausblick
Die Verbesserung unserer Gesundheitskompetenz bestimmte unser Handeln von Beginn an. Die Ziele, die der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz in seinem Strategiepapier Nr. 6 (Adam, Berens, Hurrelmann, Zeeb, Schaeffer 2019) für Migrant*innen formuliert, hatten wir bereits größtenteils umgesetzt. Dazu gehören: Orientierung und Navigation im Gesundheitssystem erleichtern, verständliche Informationen über den Aufbau des deutschen Gesundheitssystems bereitstellen, Chancen der Digitalisierung nutzen, vorhandenes Informationsmaterial nutzerfreundlich gestalten, aufsuchende Strategien entwickeln. Die von uns entwickelten Instrumente – Austauschplattform, Webinare, Peer-to-Peer-Beratungen und digitaler Wissenspool – könnten nun, mit entsprechenden Fördermitteln, in der Fläche umgesetzt werden und teilweise auch als Blaupause für russischsprachige Erwachsene mit Beeinträchtigungen und ähnliche migrantische Gruppen dienen. Drei Jahre intensives, vergebliches Bemühen um Anerkennung und Förderung aber ging zulasten unserer genuinen Arbeit und verbrauchte erhebliche ehrenamtliche Human Resources. Interne Verwerfungen waren die Folge. Wir müssen umsteuern. Aber wohin? Quo vaditis, Sputniki? 

 

Literatur:

Adam, Y., Berens, E.-M., Hurrelmann, K., Zeeb, H., Schaeffer, D. (2019). Strategiepapier #6 zu den Empfehlungen des Nationalen Aktionsplans. Gesundheitskompetenz in einer Gesellschaft der Vielfalt stärken. Fokus Migration. Berlin: Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz 2019. DOI: 10.4119/unibi/2939605

Gemeinsames Rundschreiben 2020 zur Förderung der Selbsthilfebundesorganisationen gemäß § 20h SGB V durch die Krankenkassen und ihre Verbände auf Bundesebene Anlage 4, Grundsatz 10. Zuletzt abgerufen: https://www.bag-selbsthilfe.de/fileadmin/user_upload/_Informationen_fuer_SELBSTHILFE-AKTIVE/Selbsthilfefoerderung/Krankenkassen/GR_2020___15_10_2019_FINAL_inkl_Anlagen.pdf

Kofahl C, Schulz-Nieswandt F & Dierks M-L (Hg.) (2016). Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung in Deutschland. Reihe Medizin-Soziologie, Band 24, Münster: LIT-Verlag., 122–124.

„Selbsthilfe – Gesundheit – Migration“ (2019). Ein Kooperationsprojekt des Selbsthilfezentrums München mit SIM Sozialplanung und Quartiersentwicklung Endbericht Februar 2019: zuletzt abgerufen: https://www.shz-muenchen.de/fileadmin/shz/downloads/Dokumentationen/2019_Selbsthilfe_Gesundheit_Migration_Endbericht_SIM_27Feb_komplett.pdf

Wolfgang Dengler, selbst betroffener Angehöriger, ist als einziger Deutscher bei den Sputniks für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

 

Kontakt:
, www.die-sputniks.de


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