1. Sprung zur Servicenavigation
  2. Sprung zur Hauptnavigation
  3. Sprung zur Unternavigation
  4. Sprung zum Inhalt
  5. Sprung zum Footer

Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteMigration – Behinderung – Selbsthilfe

Silva Demirci

Migration – Behinderung – Selbsthilfe

Ein Projekt der Bundesvereinigung Lebenshilfe zur Förderung der Selbsthilfe Angehöriger von Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund

Schlagwort(e):Behinderung, Migration, Selbsthilfe, Türkische Herkunft

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe setzt sich seit 1958 als Selbsthilfevereinigung, Eltern- und Fachverband für Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Familien ein. In rund 500 Orts- und Kreisvereinigungen, 16 Landesverbänden und in ca. 4.370 Einrichtungen der Lebenshilfe sind 121.000 Mitglieder aktiv. Die Ziele der Lebenshilfe sind umfassende Teilhabe und Inklusion sowie die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Deutschland.

Bei der ersten Staatenprüfung Deutschlands im März 2015 bemängelte der UN-Fachausschuss strukturelle Vernachlässigungen der Interessen von Menschen mit Beeinträchtigung und Migrationshintergrund.[1] Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund, teilweise auch mit Fluchterfahrung, gibt es in unserer Gesellschaft viele. Mit dem zweiten Bundesteilhabebericht von 2017, der sowohl Daten aus 2016 als auch 2013 enthält, veröffentlichte die Bundesregierung Zahlen und Daten zu Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung.[2] Im Jahr 2013 lebten demnach 16,6 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, wovon rund 1,6 Mio. eine anerkannte Behinderung hatten. Dies entspricht einem Anteil von 9,5 Prozent. In der Fachliteratur wird festgestellt, dass diese Personengruppe seltener Hilfe von Regeldiensten in Anspruch nimmt, als es ihrem Anteil in der Gesellschaft entspricht. Als Gründe dafür gelten zum einen die fehlende Offenheit und Barrierefreiheit der bestehenden Behindertenhilfe und zum anderen individuelle Hürden wie beispielsweise Informationsmangel, Sprachschwierigkeiten und unterschiedliche aufenthaltsrechtliche Voraussetzungen. Daraus folgen erschwerte Zugangsbedingungen zu Diensten und Einrichtungen der Behindertenhilfe und, damit einhergehend, geringe Entlastungsmöglichkeiten für Angehörige. Dies ergibt ein hohes Risiko für Überlastung und Beeinträchtigungen seitens der Angehörigen.[3] An dieser Situation setzt das dreijährige Projekt „Migration – Behinderung – Selbsthilfe“ der Bundesvereinigung Lebenshilfe seit April 2017 an. Das Projekt wird (von 2017–2020) über den AOK Bundesverband und die AOK Baden-Württemberg gefördert. Ein Folgeprojekt ist in Planung.

Zielsetzung und Umsetzung des Projekts

Zur Stärkung der Selbsthilfe Angehöriger von Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung sollen im Projekt ein virtueller Austausch ermöglicht und an ausgewählten Orten die Selbsthilfestrukturen für Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland beispielhaft unterstützt werden. Damit werden ein Austausch und gegenseitige Unterstützung ermöglicht. Über diese Selbsthilfemöglichkeiten werden darüber hinaus Wege in die bestehenden Unterstützungssysteme für Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund aufgezeigt und ermöglicht. 

Bereits im ersten Jahr des Projekts ist die Selbsthilfeplattform www.kendimiz.de für türkischsprachige Angehörige von Menschen mit Behinderung entstanden. Sie ist seit dem Sommer 2018 online. Gründe für die Eingrenzung auf türkischsprachige Angehörige sind die Sprachkompetenzen der Projektleiterin und die finanziellen Ressourcen, die für die Plattform zur Verfügung standen. Bei der Entwicklung dieser zweisprachigen dynamischen Website (Deutsch-Türkisch) wurde partizipativ vorgegangen. In drei Workshops und einer Telefonkonferenz haben Angehörige mit türkischem Migrationshintergrund, Expert*innen aus der Beratung und Wissenschaftler*innen aus dem gesamten Bundesgebiet mitgewirkt. Auf www.kendimiz.de, was „wir selbst“ bedeutet, können sich alle türkischsprachigen Angehörigen von Menschen mit Behinderung einbringen und austauschen. Sie können von Erlebnissen berichten, rechtliche Tipps einholen oder auch persönliche Erfahrungen weitergeben. Auf einer Landkarte bekommen sowohl die Angehörigen als auch Mitarbeitende von Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen die Möglichkeit, eigene Termine oder türkischsprachige Beratungsangebote einzustellen bzw. zu finden.

Wesentliche Erkenntnisse und mögliche Stolpersteine bei der Gründung der Plattform

  1. Interne und externe Kooperationen sind für eine schnelle Umsetzung der Projektschwerpunkte unerlässlich. Ohne Kooperationen würde man bei einem partizipativen Ansatz viel Zeit verwenden müssen, um Angehörige als Mitwirkende zu gewinnen.
  2. Bei mehrsprachigen Projekten muss auch für mehrsprachiges Lektorat und Übersetzungen mehr Zeit und Geld einkalkuliert werden, um professionelle Übersetzungen auf der Plattform und für die Öffentlichkeitsarbeit herstellen zu können.
  3. Mit Verschiebungen der Zeitschienen im Projekt insgesamt und Anfangszeiten bei den Workshops ist zu rechnen. Der Umgang damit erfordert hohe Flexibilität.
  4. Bei einer offenen Herangehensweise können die Wünsche der Teilnehmenden das eigene Budget bzw. die eigenen Ressourcen übersteigen. Hier gilt es stets darauf hinzuweisen, dass am Ende ggf. nicht alle Wünsche umgesetzt werden können; sinnvoll ist es daher, eine Prioritätenliste für sich zu erstellen.
  5. Die Internetseite läuft nicht von selbst. Ein Marketingkonzept, ständige Administration der Plattform und das entsprechende Budget hierfür sind auch nach der Fertigstellung unverzichtbar.
  6. Der Nutzerkreis für www.kendimiz.de umfasst nicht alle türkischsprachigen Angehörigen von Menschen mit Behinderung. Die Möglichkeit des Austauschs über die Plattform im Forum wird gegenwärtig nicht wirklich angenommen. Tägliche Klickzahlen weisen eher darauf hin, dass die Website als Informationsquelle genutzt wird.
  7. Da weltweit auf www.kendimiz.de zugegriffen werden kann, ist es nicht verwunderlich, dass auch aus dem Ausland Anfragen bei der Projektleitung ankommen. 
  8. Eine Digitalisierung von Selbsthilfeaktivitäten wird reale Selbsthilfegruppen nicht verdrängen. Synergien zwischen einer virtuellen Plattform und realen Selbsthilfegruppen haben sich bereits ergeben.
  9. Gerade die Corona-Krise zeigt, dass virtuelle Angebote eine gute, ergänzende Methode zur Kontakterhaltung sein können. Persönliche zwischenmenschliche Kontakte können damit jedoch nicht völlig ersetzt werden.

Im Projekt der Bundesvereinigung sind bis Ende 2018 drei Kooperationspartner innerhalb der Lebenshilfe gefunden worden, die an den Standorten Köln, Frankfurt und Berlin reale Selbsthilfegruppen aufgebaut haben. Alle drei Standorte haben Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung mit im Fokus. Interessanterweise unterscheiden sie sich jedoch u. a. in ihren speziellen Zielgruppen und den Formen der Selbsthilfe. So hat sich in der Kölner Selbsthilfegruppe eine türkischsprachige Müttergruppe gebildet, deren Kinder noch relativ jung sind. In Berlin hat sich über die Beratungsarbeit eine arabischsprachige Müttergruppe gebildet, deren Kinder bereits erwachsen sind. Und in Frankfurt haben sich zwei Gruppen gebildet, die für die gesamte Familie konzipiert und organisiert werden. Die eine Gruppe ist für türkischsprachige Menschen und die andere international zusammengesetzt. Der Vergleich dieser Gruppen bringt viele interessante Erkenntnisse und Fragen zum Vorschein: 

Wesentliche Erkenntnisse und mögliche Stolpersteine bei der Arbeit mit den Selbsthilfegruppen an den drei Standorten:

  1. Menschen mit Migrationshintergrund kann man auch für Selbsthilfegruppen gewinnen.
  2. Je nach Angebotsmöglichkeit und Zielgruppe bieten sich verschiedene Formen der Selbsthilfe an.
  3. Die Unterschiede in der Altersstruktur der Angehörigen / der Kinder mit Behinderungen sowie Unterschiede in der Dauer der Teilnahme in der Selbsthilfegruppe und der Dauer des Aufenthalts in Deutschland bringen diverse inhaltliche Fragestellungen und Bedürfnisse in den Selbsthilfegruppen hervor. So geht es beispielsweise bei einigen eher um Bildungseinrichtungen und bei den anderen eher um Partnerschaften oder Auszug aus dem Elternhaus. Bei manchen ergeben sich aufenthaltsrechtliche Fragestellungen, bei anderen Selbstverwirklichungsfragen.
  4. Interkulturelle Gruppen, die aufgrund der Sprachkenntnisse der Teilnehmenden nicht in Deutsch geführt werden können und daher mit Sprachmittler*innen zusammenarbeiten, müssen mit mehr Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit für Absprachen rechnen.
  5. Bei Treffen mit ganzen Familien ist zu klären, durch wen und wie die Kinderbetreuung organisiert werden kann.
  6. Während der Corona-Krise sind telefonische Kontakte für die Teilnehmenden sehr wichtig, um Fragen stellen zu können und sich auszusprechen.
  7. Videokonferenzen als Ersatz für persönliche Selbsthilfetreffen erreichen nur einen Teil der Teilnehmenden. Gründe dafür sind beispielsweise fehlende technische Mittel, Schutz der Privatsphäre (Scheu vor externem Einblick in die eigenen Räumlichkeiten) oder fehlende Zeit wegen der Kinderbetreuung etc.

Ausblick

In einem geplanten Folgeprojekt sollen die Kooperationstreffen innerhalb der Lebenshilfe weitergeführt werden, um über die Gründungsphase hinaus Erkenntnisse aus den Selbsthilfegruppen zu gewinnen und als Informationssammlung und Arbeitshilfe für andere Projekte zu dokumentieren. Geplant ist ferner eine bundesweite Fachtagung zum Thema Migration – Behinderung – Selbsthilfe, um tiefere Einblicke in die Arbeit zu geben, sich bundesweit mit anderen Trägern und Verbänden zu vernetzen und gemeinsame Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Wie es mit der türkisch-deutschen Plattform www.kendimiz.de nach der Projektlaufzeit weitergeht, wird aktuell beraten.

Dr. Silva Demirci ist Referentin für Migration und Behinderung in der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.

Kontakt:
Silva.Demirci(at)lebenshilfe.de

[1] Siehe auch Teilhabebericht 2016, S. 503, www.bundesregierung.de/resource/blob/976072/480512/6b249c2a22eb36f7a1ffb1f2029543b9/2017-01-18-teilhabebericht-2016-data.pdf

[2] Bei der Datenerhebung ist zu beachten, dass bestimmte Erhebungen nicht jährlich erfolgen und in der Erhebung nur diejenigen Haushalte erfasst wurden, mit denen eine Kommunikation in Deutsch möglich war. 

[3] Siehe Julia Halfmann (2014). Migration und Behinderung. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH

oder Donja Amirpur (2016). Migrations-Bedingt Behindert? Familien im Hilfesystem. Eine intersektionale Perspektive. Bielefeld:  Transcript Verlag


zurück zur Übersicht