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Elena Anastasaki, Janine Benson-Martin, Cristina Visiers Würth

Mind-Spring

Präventives gruppenorientiertes Gesundheitsprogramm für Geflüchtete von Geflüchteten im Landkreis Böblingen, Enzkreis und der Stadt Pforzheim

Schlagwort(e):Gesundheitsversorgung, Migration, Selbsthilfe, Sprachmittlung

Ausgangslage

Flucht und Migration haben Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, da sie große persönliche und seelische Belastungen mit sich bringen (Bundes Psychotherapeuten Kammer (BPtK), 2015; Hofmeister, 2014). Obwohl globale Politikansätze die Eigenständigkeit und die Resilienz der Geflüchteten fördern wollen, um sie aus der Kategorie der „Vulnerablen“ in die der „Akteure“ zu verschieben, haben diese Ansätze immer noch eine zu große Nähe zu den traditionellen humanitären Hilfemethoden und verstärken damit eher den Status der Hilfsorganisationen als den der Geflüchteten (Krause & Schmidt, 2019). Allerdings gibt es in der heutigen Situation den dringenden Bedarf, die neu Angekommenen so schnell wie möglich zu befähigen, ihr Leben selbst gestalten zu können.

Das Konzept Mind-Spring und seine Umsetzung

Mind-Spring ist ein präventives gruppenorientiertes Gesundheitsprogramm für Geflüchtete von Geflüchteten, das sie in ihrem neuen Lebensumfeld, welches oft belastend ist und ihr soziales Leben beeinträchtigt, unterstützen soll. Das Konzept wurde vom Psychologen Paul Sterk bei seiner Arbeit in Krisengebieten erarbeitet; inzwischen ist es methodisch aufbereitet und an die Bedingungen in den Ankunftsländern der Geflüchteten angepasst. Seitdem wird es erfolgreich in den Niederlanden (seit 20 Jahren), Belgien und Dänemark (seit 10 Jahren) umgesetzt. In Deutschland arbeiten die Landkreise Böblingen (Landratsamt Böblingen, 2020) und Enzkreis/Pforzheim (Landratsamt Enzkreis) seit 2018 gemeinsam mit Mind-Spring und können mit ihrem Projekt als Vorreiter für die Bundesrepublik gelten.

Geflüchtete Menschen machen oft die Erfahrung, dass es eine zu große Kluft zwischen ihren Bedürfnissen und der im Aufnahmeland angebotenen Hilfe gibt (Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, 2018). Im Mind-Spring-Programm dagegen werden geflüchtete Menschen unterschiedlicher Kulturen als Trainer*innen geschult, um anschließend Workshops in ihrer Muttersprache und angepasst an ihren Kulturkreis durchzuführen. Die Trainer*innen sprechen eine der Zielsprachen und verfügen über ausreichende Deutschkenntnisse, um der ca. 50-stündigen Schulung auf Deutsch folgen zu können (Lese-, Sprach- und Kommunikationskompetenz). Im Idealfall haben sie professionelle Erfahrungen im medizinischen, sozialen oder pädagogischen Bereich oder eine entsprechende Ausbildung. Weiterhin sollten sie älter als 25 Jahre, selbst psychisch stabil und stressresistent sowie in der Lage sein, die Teilnehmenden in einer interessierten und diskreten Weise zu begleiten. Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich werden im Rahmen von verkürzten Schulungen dazu ausgebildet, die Trainer*innen als Co-Trainer*in im Tandem zu unterstützen.

In den acht Gruppentreffen werden unter anderem die Themen Stressreduzierung, Positionsbestimmung („Wie geht es dir?“), Trauer(arbeit), Trauma, (veränderte) Identität, Sucht und Konsum, Energie und Kraftquellen behandelt. Ziel ist es, durch Psychoedukation ein besseres Verständnis ihrer Situation und der damit verbundenen Stressfaktoren zu erlangen. Gleichzeitig werden ihre Ressourcen und ihr Empowerment gestärkt.

Der Schwerpunkt der Mind-Spring-Methode liegt in der aktiven Beteiligung der Teilnehmenden, die durch gemeinsame Diskussionen ihre eigene Situation und ihre Probleme besser wahrnehmen und eine Reihe von Werkzeugen und Strategien für deren Bewältigung entwickeln. Teil des Programms ist auch die Vermittlung von Informationen über das deutsche Gesundheitssystem. Dieser Peer-to-Peer-Ansatz ist besonders darauf ausgerichtet, die Lösungskompetenzen der geflüchteten Menschen zu stärken, um wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das Tandemsystem, also die Unterstützung durch Fachkräfte, hilft dabei, dass die Teilnehmenden sich ernst- und wahrgenommen fühlen. Als Nebeneffekt wird eine positivere Einstellung der Geflüchteten zu Behörden gewonnen. Wie Paul Sterk sagt: „Mind-Spring empowers refugees and gives them a stronger sense of identity in their new country“ (Sterk, 2002).

Die Evaluation wird in einem kontinuierlichen Prozess durch Fragebogen und Interviews mit Trainer*innen und Co-Trainer*innen sowie mit dem WHO-5-Fragebogen („pre“ und „post“) (Topp, Ostergaard, Sondergaard, & Bech, 2015) durchgeführt. Die qualitative Evaluation des Mind-Spring-Programms wurde als Thema einer Masterthesis an der Uni Heidelberg im Jahr 2019 aufgegriffen (Perplies, 2019).

Faktoren des Gelingens (und des Scheiterns)

Mind-Spring als niederschwelliger psychoedukativer Ansatz ist ein Versorgungskonzept, das als primäre präventive Maßnahme definiert ist. Dabei sollen Schutzfaktoren wie etwa Belastbarkeit (Resilienz) gefördert und Risikofaktoren für potenzielle psychische Probleme unter den Geflüchteten verringert werden. Ziele sind die Stärkung gesunder individueller Bewältigungsmechanismen, die auf angeborenen persönlichen Fähigkeiten (Widerstandsfähigkeit) basieren, und ein eigenständiges Erkennen von Problemen. Dies mündet in eine Selbstbefähigung, mehr Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen und Problem- und Notlagen eigenständig zu bewältigen. Mind-Spring dient dann auch als Filter: Personen mit Pathologie werden erkannt. Wenn sie weitere und tiefgreifendere Unterstützung benötigen, werden sie zu den traditionellen psychiatrischen bzw. psychotherapeutischen Behandlungs- und Betreuungsangeboten weitergeleitet.

Eine weitere Stärke des Programms liegt darin, dass die Kurseinheiten in der Muttersprache der Teilnehmenden stattfinden und von Trainer*innen angeleitet werden, die selbst Fluchterfahrung haben. Die Gruppe verarbeitet Themen gemeinsam, alle sind aktiv und jede*r findet die eigenen Ressourcen und die eigenen Strategien, um mit den Problemen in der neuen Situation umzugehen. Die Gruppen wirken auch als wichtiger Ankerpunkt und als Netz für die Teilnehmenden, um sich schrittweise ein neues Leben aufzubauen.

Eine große Herausforderung ist die Rekrutierung von Teilnehmer*innen, weil ihnen das Format (noch) nicht bekannt ist und sie mit vielen Problemen beschäftigt sind, die ihre ganze Energie binden. Ihr psychisches Wohlgefühl steht nicht immer an erster Stelle ihrer Prioritäten. Das für solche Themen erforderliche Vertrauen (zu den Behörden bzw. den Landsleuten) ist oft nicht vorhanden und muss erst gewonnen werden. Nach den Workshops sind sie in der Regel sehr froh, dass sie teilgenommen haben und würden ihre Teilnahme auch verlängern wollen. Sie lernen nicht nur, ihre Situation besser wahrzunehmen, sondern auch, ihre Bedürfnisse besser zu kommunizieren und Selbstvertrauen zu gewinnen (Uitterhaegen, 2005).

Zukunftspotenzial

Einige Landkreise haben das Projekt initiiert bzw. haben an der Schulung von Enzkreis und Landkreis Böblingen teilgenommen. Beide Landkreise sind für das Monitoring der deutschlandweiten Entwicklungs- und Verbreitungsmöglichkeiten von Mind-Spring sowie für die Qualitätssicherung des Projekts zuständig. Zukünftig ist geplant, die Zielgruppe über die erwachsenen geflüchteten Menschen hinaus zu erweitern auf Migrant*innen, geflüchtete Kinder und Jugendliche sowie die begleitende Elternarbeit.

 

Literatur:

Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). (2015). Mindestens die Hälfte der Flüchtlinge ist psychisch krank. BPtK-Standpunkt „Psychische Erkrankungen bei Flüchtlingen“ Zugriff am 11.03.2020 unter https://www.bptk.de/mindestens-die-haelfte-der-fluechtlinge-ist-psychisch-krank

Hofmeister, C. (2014). Hat Migration Auswirkung auf den psychischen Gesundheitszustand? Hamburg: Diplomica Verlag.

Krause, U., & Schmidt, H. (2019). Refugees as Actors? Critical Reflections on Global Refugee Policies on Self-reliance and Resilience. Journal of Refugee Studies. doi: 10.1093/jrs/fez059

Landratsamt Böblingen. (2020). 1. Internationaler Mind-Spring Fachtag Expert*innenaustausch Anastasaki Elena, Visiers Wuerth Cristina, Hijazi Mariam & Monfort Montero Carolina (Eds.), Gruppenorientierte Gesundheitsprävention von Geflüchteten für Geflüchtete Zugriff am 08.03.2020 unter https://www.lrabb.de/site/LRA-BB-2018/get/params_E-841767494/16590141/Final%20Mind-Spring%20Dokumentation%20f%C3%BCr%20Fachleute%20%282%29.pdf, https://www.lrabb.de/site/LRA-BB-2018/get/params_E-1161095600/16590142/Final%20Multiplikatorinnen-Mind%20Spring.pdf

Landratsamt Enzkreis. Gesundheitliche Hilfe für geflüchtete Menschen. Zugriff am14.02.2020 unter https://www.enzkreis.de/Serviceportal/Was-erledige-ich-wo-/Gesundheitliche-Hilfe-f%C3%BCr-gefl%C3%BCchtete-Menschen.php?object=tx,2891.2&ModID=10&FID=2891.14.1&NavID=2032.13&La=1&ort=

Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. (2018). Traumatisierte Flüchtlinge – schnelle Hilfe ist jetzt nötig. Halle (Saale).

Perplies, C. (2019). Fördernde und hemmende Faktoren der Teilnahme von Geflüchteten an einer Peer-Group-Intervention zur Förderung der Psychischen Gesundheit in einem kommunalen Setting. Masterarbeit, Berlin School of Public Health, Heidelberg, Deutschland.  

Sterk, P. (2002). Mind-Spring. Zugriff am 14.02.2020 unter http://resettlement.eu/good-practice/mind-spring

Topp, C. W., Ostergaard, S. D., Sondergaard, S., & Bech, P. (2015). The WHO-5 Well-Being Index: a systematic review of the literature. Psychother Psychosom, 84(3), 167–176. doi: 10.1159/000376585

Uitterhaegen, B. (2005). Psycho-education and psychosocial support in the Netherlands; a program by and for refugees. Intervention, 3(2), 141–147.

Dr. Elena Anastasaki (Landratsamt Böblingen) arbeitet in der Fachstelle zur Umsetzung des Integrationsplans, Sachgebiet Integration, Amt für Migration und Flüchtlinge; Dr. Janine Benson-Martin (Enzkreis) arbeitet in der Gesundheitlichen Hilfe für geflüchtete Menschen, Sachgebiet Ärztliche Gutachten und Sozialpsychiatrische Versorgung, Gesundheitsamt Enzkreis; Cristina Visiers Würth (Landratsamt Böblingen) arbeitet in der Fachstelle für interkulturelle Kompetenz, Sachgebiet Integration, Amt für Migration und Flüchtlinge.

Kontakt: e.anastasaki(at)lrabb.de, Janine.Benson.Martin(at)enzkreis.de, c.visierswuerth(at)lrabb.de


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