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Startseite | Migration, Flucht und GesundheitIm Fokus: GeflüchteteSelbsthilfe – Gesundheit – Migration

Ina Plambeck, Andreas Sagner

Selbsthilfe – Gesundheit – Migration

Projekt zum Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesundheitsselbsthilfe in München

Schlagwort(e):Gesundheitsversorgung, Migration, Selbsthilfe, Sprachmittlung

Entwicklung des Projekts –Fragestellungen und Zielsetzungen

Das Selbsthilfezentrum München (SHZ) arbeitete 2017 und 2018 zusammen mit dem Institut SIM Sozialplanung und Quartiersentwicklung an dem Projekt „Selbsthilfe – Gesundheit – Migration“ [1], das sich mit dem Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund [2] in Gesundheitsselbsthilfegruppen beschäftigte. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund innerhalb der Gesundheitsselbsthilfe auf den ersten Blick relativ klein erschien, sowie die kleine Anzahl an muttersprachlichen Selbsthilfegruppen, die explizit zu einem Gesundheitsthema arbeiteten. Die Fragestellungen des Projekts lauteten damit:

  • Wie sind Migrant*innen derzeit in den Bereichen Selbsthilfe und Gesundheit engagiert?
  • Welche Bedeutung hat das Thema „Migration und Gesundheit“ in Initiativen der nicht migrantischen Gesundheitsselbsthilfe überhaupt?
    Vor dem Hintergrund verschiedener Befunde aus dem gesundheitlichen Versorgungssystem sowie Rückmeldungen von Engagierten wurden damit drei Zielsetzungen für das Projekt formuliert:
    • Spezifizierung der Ausgangssituation (Bedarfslage, Einschätzungen, Vorstellungen der Engagierten in Selbsthilfegruppen und Migrantenorganisationen)
    • Information von Migrantenselbstorganisationen über gesundheitliche Angebote der Selbsthilfegruppen sowie andere kultursensible gesundheitliche Angebote
    • Vernetzung von Gesundheitsselbsthilfe und Migrantenselbstorganisationen.

Aktionsforschung –Arbeitsschritte und Maßnahmen

Mit Blick auf professionelle Selbsthilfeunterstützende sollte das Projekt damit Ideen und Maßnahmen entwickeln, um Menschen mit Migrationserfahrung für ein (stärkeres) Engagement im Bereich der Gesundheitsselbsthilfe zu motivieren bzw. um dieser Zielgruppe gegebenenfalls den Zugang in Gesundheitsselbsthilfegruppen zu erleichtern. Folgende Arbeitsschritte wurden dazu umgesetzt:

  • Aufarbeitung des aktuellen Forschungsstands
  • Austausch mit anderen Selbsthilfekontaktstellen
  • Befragung von Professionellen aus dem Migrations- und Gesundheitsbereich
  • Befragung der Gesundheitsselbsthilfegruppen und der Migrantenselbstorganisationen
  • Durchführung von Informations- und Vernetzungsveranstaltungen für Engagierte

Die Arbeitsweise des Projekts war damit nicht nur eine sozialwissenschaftliche, die Forschungsfragen beantwortet, sondern es setzte im Sinne von Aktionsforschung auch konkrete Maßnahmen um, die gleichzeitig auch informierende und aktivierende Funktionen hatten.

 

Best Practice – professionelle Information und Austausch zu Gesundheitsthemen in einer Migrantenselbstorganisation

Ein wesentlicher Arbeitsschritt des Projekts war es auch, Best-Practice-Beispiele zu finden und zu erfahren, warum diese in der Praxis bereits gut funktionieren. Ein solches Beispiel ist das Engagement der seit 2016 bestehenden „Initiative kongolesischer Deutscher“ (IKD e.V.).

José Langa-Nkodi, Leiter der IKD e.V., erklärt, wie den Engagierten bei offenen Diskussionsrunden auffiel, dass viele aus dem Kongo geflüchtete Menschen depressiv seien, ohne es selbst zu wissen. Langa-Nkodi hat als Deutscher kongolesischer Herkunft selbst acht Jahre in München ohne sicheren Status gelebt. Er weiß daher aus eigener Betroffenheit, welche enorme Belastung diese Lebenssituation für einen Menschen bedeuten kann. Hier sei primär ein vertrauensvoller, geschützter Ort wesentlich, um die eigenen Erfahrungen auszudrücken und mit anderen zu teilen, die wissen, was diese bedeuten – das klassische Prinzip der Selbsthilfe also. Daher hat der Verein 2018 das Thema Gesundheit als Jahresthema gewählt, mit dem Ziel, die vorhandenen Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung Geflüchteten und Migrant*innen näherzubringen und sie darin zu unterstützen, sie auch tatsächlich in Anspruch zu nehmen. 2019 organisierte die Initiative in Zusammenarbeit mit einem auf geflüchtete Menschen spezialisierten Beratungs- und Behandlungszentrum (Refugio München) zwei Vorträge zu den Themen „Trauma“ und „Umgang mit Stress“ für Migrant*innen und Geflüchtete. Die Resonanz war groß, nach Bedarf wurden die Vorträge vor Ort ins Französische übersetzt.

Zugangsbarrieren

Die Ergebnisse des Projekts legen nahe, dass es nicht um ein Überstülpen unseres Selbsthilfeverständnisses, sondern um dessen Weiterentwicklung gehen muss, wenn das Grundverständnis der interkulturellen Öffnung umgesetzt werden soll. Nur dann kann jede Person – unabhängig ihres Hintergrunds – die gleichen Zugangs- bzw. Teilhabechancen zur bzw. an der Selbsthilfe haben. Entsprechend war ein Schritt im Projektverlauf zunächst die Anerkennung der vorhandenen Hürden für Menschen mit Migrationserfahrung in die Selbsthilfe – wobei ein Großteil der Barrieren selbstredend auch für viele Menschen ohne Migrationshintergrund besteht:

[1] Endbericht des Projekts zum Download

[2] Was die Begriffe „Migrant*innen“ bzw. „Menschen mit Migrationshintergrund“ betrifft, diente diese Bezeichnung hier vor allem dazu, zu identifizieren, wie Zugänge und Barrieren für bestimmte Personengruppen wirksam werden. Darüberhinaus ist es offensichtlich eher fragwürdig, inwieweit diese Begriffe zur aussagekräftigen Beschreibung von Einzelnen noch sinnvoll sind.

Zugangsbarrieren zur Gesundheitsselbsthilfe für Menschen mit Migrationshintergrund

Projektergebnisse

Konkret verwiesen die Ergebnisse des Projekts auf folgende Vorschläge für größere Selbsthilfeorganisationen bzw. die professionelle Selbsthilfeunterstützung, um bestehende Barrieren abzubauen und gleichberechtigte Zugänge für Menschen mit Migrationshintergrund in die (Gesundheits-)Selbsthilfe zu ermöglichen:

 

1. Information und Erklärung

  • Kultursensible Erklärung des Selbsthilfeansatzes
  • Auflegen muttersprachlicher Informationen
  • Zugehende Ansprache und Netzwerkarbeit (Fachkräfte, Communities, Migrantenselbstorganisationen, Selbsthilfegruppen und -organisationen)
  • Schulung von muttersprachlichen Ehrenamtlichen als Multiplikator*innen

 

2. Sprachliche Verständigung sichern

  • Muttersprachliche Gruppen(-gründungen) unterstützen
  • Internationale Gruppen(-gründungen) unterstützen
  • Zwei/-Mehrsprachige Gruppen(-gründungen) unterstützen
  • Dolmetschereinsätze im Selbsthilfekontext – nur sehr bedingt sinnvoll

 

3. Strukturen (neu) gestalten

  • Einbindung von/Unterstützung durch Expert*innen stärker mitdenken
  • Sicherung starker/qualifizierter Gruppenleitungen
  • Flexible(re)s Zeitmanagement der Gruppenarbeit zulassen
  • „Tabu-Sensibilität“ bei Gruppenbezeichnungen ermöglichen („Gesund leben“ statt „Frauenkrebsgruppe“)

 

4. Neugründungen bedarfsgerecht unterstützen

  • Kultur- bzw. diskriminierungssensible Kommunikationskultur im Erstkontakt berücksichtigen
  • Vermehrte Berücksichtigung von Gender- und Altersaspekten bei Gruppengründungen
  • Stärkung bzw. Betonung des „Geselligkeitsmoments“
  • Gezielte Initiierung von Gruppen über Einsatz von muttersprachlichen Unterstützer*innen (z. B. In-Gang-Setzer-Projekte)

 

5. Erfahrungs- und Gelegenheitsräume ermöglichen

  • Schaffung neutraler Anlässe für Treffen als Ausgangspunkt für die Entwicklung problembezogener Gruppentreffen
  • Angebot „Offener Treffs“, ggf. mit Austausch zu Gesundheitsthemen bzw. Fachvorträgen
  • Gründung thematisch relativ offener „Rahmengruppen“ im engen Austausch mit Migrantenselbstorganisationen zunächst jenseits der Trennung in Soziales – Gesundheit als Ausgangspunkt etwaiger Ausgründungen diagnosebasierter Gruppen
  • Gesundheitsbezogene Informationsveranstaltungen bzw. -reihen

 

6. Interkulturelle Öffnung der Selbsthilfeunterstützung bzw. Selbsthilfeorganisationen

  • Absicherung der Themen Migration, Diversität und Antidiskriminierung in der Organisation
  • Weiterentwicklung bzw. Anpassung der Öffentlichkeitsarbeit
  • Personalentwicklung und Personalschulung
  • Zusammenarbeit mit Migrantenselbstorganisationen

 

7. Unterstützende Angebote für die Engagierten

  • Konzipierung und Durchführung von Vernetzungstreffen (Gesundheitsselbsthilfe und Migrantenselbstorganisationen)
  • Sensibilisierung und Angebot von Fortbildungs- bzw. Beratungsangeboten zu interkultureller Öffnung/Diversität/Antidiskriminierung für Selbsthilfeengagierte.

 

Eine gelingende interkulturelle Öffnung in der Selbsthilfe bewirkt eine höhere Bedarfs- und Individuenorientierung der Angebote sowie eine Sensibilisierung seitens der Selbsthilfeunterstützung: sowohl für die kulturelle Spezifik der Praxis „Selbsthilfe“ als auch für die Diversität der möglichen Nutzer*innen dieser Praxis sowie für die meist unsichtbaren Machtkonstellationen unserer gegenwärtigen Gesellschaft, die in Selbsthilfeunterstützungsstellen genauso wirksam werden wie in anderen gesellschaftlichen Institutionen.

Ina Plambeck arbeitet im Selbsthilfezentrum München, Ressort Soziale Selbsthilfe – Selbsthilfeunterstützung und Kooperationen. Dr. Andreas Sagner arbeitet für SIM Sozialplanung und Quartiersentwicklung.

 

Kontakt:
ina.plambeck(at)shz-muenchen.de; andreas.sagner(at)sim-sozialplanung.de


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